Globalesisch - oder was? - Warum Europa Zunge zeigen sollte

Newsletter Juni 2014

Globalesisch oder was? Newsletter, Fix International ServicesGenügt es, wenn wir englisch lernen, um im Job oder während des Urlaubs mit anderen Menschen kommunizieren zu können? „Nein!“ sagt Jürgen Trabant, der bis 2013 auf dem Lehrstuhl „Conrad Naber Chair for European Plurilingualism“ der Jacobs University Bremen saß. Der Linguist plädiert dafür, das Erlernen von Fremdsprachen nicht nur unter dem Aspekt der Nützlichkeit zu betrachten. Unterschiedliche sprachliche Strukturen prägten unterschiedliche Wahrnehmungen. Jede Sprache enthält eine kulturelle Dimension, der Autor kämpft in seiner vielgelobten aktuellen Streitschrift „Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europa“ für eine lebendige Mehrsprachigkeit.
Keine Frage, deutsche Forscher können überall auf der Welt mitreden. Sie beherrschen Englisch, die lingua franca der globalisierten Wissenschaft, halten ihre Vorträge bei internationalen Konferenzen in Princeton, Sydney oder Mumbay ohne Probleme in der Fremdsprache. Auch Aufsätze erscheinen fast nur noch in englischer Sprache. „Das ist einerseits eine erfreuliche Entwicklung, gefährdet aber die anderen Sprachen der europäischen Nationen in vielfacher Hinsicht,“ erklärt der Bremer Linguist Jürgen Trabant  in seiner aktuellen Streitschrift „Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europa“. Nötig seien Aktivitäten zugunsten der vielen europäischen Sprachen, die deren Leistung und Bedeutung hervorheben. Trabant tritt für deren Bewahrung und Entwicklung ein. Seiner Ansicht nach ist dafür aber die Voraussetzung eine andere Auffassung von Sprache. „Man muss wieder verstehen lernen, dass Sprache auch ein kognitives Instrument ist, nämlich der wichtigste Weg des Menschen zur Erfassung der Welt.“ Indem er die geistige, aber auch kulturelle und politische Bedeutung der Sprachen betont, plädiert Trabant angesichts des drohenden Monolinguismus für eine echt verstandene europäische Mehrsprachigkeit. „Wenn der EU -Bürger auf Sorbisch oder auf Bretonisch an die EU schreibt, wird er keine Antwort in seiner Sprache aus Brüssel bekommen, da diese Sprachen zwar durchaus europäische Sprachen, aber keine Amtssprachen derEU sind, sondern sogenannte Minderheitensprachen.“ Trabant hält besonders den Rückgang der Zahl der weltweiten Deutschlerner für ein akutes Warnsignal, „die EU sollte das Konzept einer persönlichen Adoptivsprache fördern“, fordert er. Diese zweite Fremdsprache wäre dann ein fester Bestandteil im Alltag der Europäer. Seiner Ansicht nach würde die lange diskutierte Regel „Muttersprache plus zwei weitere Sprachen“ immer weniger eingehalten. Denn außer Englisch stünden bei immer weniger Schülern eine weitere Fremdsprache auf dem Lehrplan. Die großen Verlierer, die durch das uneingeschränkte Vordringen des Englischen in alle Bereiche von Politik, Alltag und Wissenschaft sind für Jürgen Trabant das Französische, Deutsche und Italienische. „Das vormals großartige Deutsche", lautet seine Diagnose, „wird durch die historisch motivierte Depressivität seiner Sprecher, durch eine völlig verfehlte Schul-Sprachpolitik und durch die Globalisierungseuphorie der Eliten der deutschsprachigen Länder weiter hinabsinken auf die Ebene einer Vernakularsprache.“ Damit bezeichnet die Sprachwissenschaft eine einfache Volkssprache, die zwar urwüchsig ist, aber eigentlich bedeutungslos. Der Linguist macht sich für eine Art „Adoptivsprache“ stark: Jeder Bürger in der EU sollte sich, über seine  Muttersprache und das Englische hinaus, intensiv noch mit zusätzlichen Sprache auseinandersetzen. Über die Stärkung der individuellen Sprachkompetenz hinaus bewirke das Schubwirkung für den stärkeren Zusammenhalt Europas. Die Angst des Wissenschaftlers besteht darin, dass das das Deutsche, Italienische oder Estnische im Englischen versinken werden, wie das das Okzitanische oder Bretonische im Französischen versanken. Dabei bindet Trabant auch historische, kulturelle und literarische Gesichtspunkte in seine Überlegungen ein. Ob man nun Slowenisch, Estnisch oder Baskische lerne spiele keine Rolle, wenn der zukünftige Weltbürger seine Umwelt durch den Einsatz der „kleinen Sprachen“ überrascht. Denn nicht die Nützlichkeit steht bei ihm im Vordergrund – hier sei das Englische ohnehin unübertroffen – sondern die Erweiterung des eigenen Horizonts. Hier zähle die Bildung, das Verstehen des Anderen in Europa. Wenn sich Deutsche und Italiener in ihren jeweiligen Sprachen begegnen und austauschen können, fördere dies die gemeinsame Zukunft des Kontinents.  

„Sprachen produzieren auf besondere Weise das Denken!“ 

Die Politik der EU beschreibt Trabants als zwiespältig. Zwar erkläre sie offiziell die Vielsprachigkeit zum europäischen Identitätsmerkmal. Doch am Ende kommuniziert der Bürger auf Englisch, selbst einen engagierten Sprachkommissar, vor Jahren noch eine Selbstverständlichkeit, gäbe es nicht mehr. Trabant ist weit davon entfernt, die englische Sprache zu verteufeln. Sie sei die „Paradies-Sprache“ einer weithin globalisierten Weltgemeinschaft, Englisch betrachtet er deshalb mittlerweile als Gemeingut der Menschheit, „das Englische gehört uns allen“, befindet er, mit einer interessanten Konsequenz: Nicht jeder Begriff oder jede Art der Aussprache müsse denen eines „native speaker“ gleichen. „Wer früher auf Latein schrieb, hat seine Texte auch nicht zum Korrigieren nach Rom geschickt“, begründet Trabant seine Haltung. Für ihn ist die bedeutsamste Forderung an die Sprache, dass sie verständlich ist. 

Europa, fordert er, müsse zu der Einsicht gelangen, dass es nicht ausreicht, so effizient und weiträumig wie möglich zu kommunizieren. Stattdessen müsse es seine Sprachen dafür schätzen, dass sie „besondere Weisen sind, das Denken zu produzieren“ und darüber hinaus „kostbare vielfältige Möglichkeiten sind, die Welt zu erfassen". Immerhin enthält sein Werk auch eine optimistische Perspektive. Denn er verweist zu Recht auf eindrucksvolle Beispiele sprachlicher Selbstbehauptung. Dazu zählt er die  kraftvollen Wiedergeburten einzelner Sprachen, etwa in Spanien bei Katalanen und Basken.

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