Warum Zeit nicht überall Geld ist

Newsletter August 2013

Zeitverständnis, Newsletter Fix International Services.Das Motto „Zeit ist Geld!“ hat in den meisten industrialisierten Gesellschaften fast den Charakter eines Gesetzes. Pünktlichkeit hat im Business eine hohe Priorität, auch im Privatleben gelten Verspätungen als unhöflich. Das Erscheinen zum verabredeten Zeitpunkt gilt als deutsche Tugend. Doch die Wahrnehmung von Zeit hängt auch von der kulturellen Prägung ab.
Weltenbummler und international agierende Manager benötigen ein feines Gespür für das Zeitgefühl anderer Völker, „die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit“, sagt ein Sprichwort aus Kenia. Doch was ist eigentlich Zeitgefühl? Der amerikanische Psychologe Robert Levine hatte vor einigen Jahren eine clevere Idee, wie er sich dem Phänomen nähern könnte. Levine führte in 31 Ländern Experimente durch und erstellte so eine „Landkarte der Zeit". Er ging der Frage nach, in welchen Kulturen das Tempo besonders schnell oder besonders langsam ist. Zu diesem Zweck untersuchte er die Geschwindigkeit, in der zufällig ausgewählte Passanten in Großstädten eine Strecke von 100 Metern zurücklegen. Er ermittelte aber auch, wie lange in Postämtern der Kauf einer gewöhnlichen Briefmarke samt Wechselgeldrückgabe dauerte. Und schließlich wurde an 15 Bankgebäuden die Ganggenauigkeit von Uhren in der jeweiligen Metropole überprüft. Insgesamt, so Levines Resümee, war die Schweiz führend. Es folgten die Republik Irland und dann Deutschland. Die „rote Laterne“ trugen Brasilien, Indonesien und Mexiko. Acht der neun schnellsten Länder befanden sich in Westeuropa, nur Japan konnte sich einen der vorderen Plätze sichern, einen mittleren 16. Platz belegten die USA. In Deutschland konnten übrigens besonders die Angestellten in den Postfilialen punkten – sie waren die schnellsten im Länderranking! Doch noch überraschender ist ein weiteres Fazit von Robert Levine: „Auch heute noch ist die Vorstellung, nach der Uhr zu leben, in weiten Teilen der Welt völlig fremd." Viele Gesellschaften folgten stattdessen einer „Ereigniszeit“. So richten sich die Einwohner Burundis nach der Kuhzeit: Dort trifft man sich morgens früh, wenn die Kühe auf die Weide gehen. Oder am Mittag, wenn es die Kühe zum Fluss zieht, wo sie Wasser trinken.

Monochrone und polychrone Kulturen

Das Zeitverständnis anderer Kulturen begreift man am besten, wenn man den Hintergrund des Zeitverständnisses der eigenen Kultur versteht. Grundsätzlich werden zwei Typen unterschieden: Das monochrome (lineare) und das polychrone (zirkuläre) Zeitverständnis. So besteht das westliche, monochrone Zeitmodell aus charakteristischen Konstanten, die für alle Bereiche der Gesellschaft gelten. In Deutschland läuft die Zeit kontinuierlich ab. Es gibt eine klare Aneinanderreihung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie wird in exakte Einheiten unterteilt. Der Ablauf der Zeit ist immer gleich, das Frühere bestimmt das Nachfolgende. Unsere westliche Industriekultur wäre ohne die Vorstellung vom linearen Ablauf der Zeit nicht denkbar. Der durch Martin Luther und die Calvinisten geprägte Protestantismus führte in Deutschland zu einem Wandel in der Auffassung von Arbeit, Beruf und dem Zeitverständnis, ein stark leistungsbetontes Berufsethos war die Folge. Zwar wurde die puritanische Moral religiös begründet, aber mit dem irdischen Erwerbs- und Berufsleben verknüpft: Nur wer hart arbeitet, konnte sich für das Himmelreich empfehlen. Vor über 250 Jahren prägte dann Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, seinen berühmten Satz „Zeit ist Geld!“ Er hatte damit das individualistische Credo des Industriezeitalters auf den Punkt gebracht. Im Gegensatz dazu ist das polychrone (zirkuläre) Denken stärker in kollektivistisch, traditionell  orientierten Gesellschaften zuhause. So verläuft nach asiatischem Verständnis die Zeit nicht geradlinig, sondern zyklisch. Dabei findet kein gradliniges Geschehen statt, sondern ein Phänomen aus guten und weniger guten Momenten: „Zugreifen oder Vermeiden!“ ist hier die Devise. „Treffen monochrone und polychrone Kulturen aufeinander, sind Konflikte oft programmiert – wenn man sich nicht entsprechend auf solche Situationen vorbereitet!“ berichtet Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. „Bereits zur Vorbereitung von Meetings und Verabredungen, erst recht aber bei Projekten im Ausland, sollte man die zeitlichen Gepflogenheiten kennen, die innerhalb eines Landes gelten.“   

Deutsche Manager gehen typisch monochron vor. Sie beschäftigen sich mit einem Vorgang intensiv und arbeiten diesen von Punkt zu Punkt ab. Vorgaben und Verabredungen sind verbindlich und nur schwer veränderbar. In polychronen Kulturen jedoch, zu denen auch die spanische gezählt wird, sind überraschende Ereignisse, die Änderungen im Plan erfordern, nicht notwendigerweise negativ besetzt. Dort gelten Zeitpläne als flexibel. Kulturelle Unterschiede können sich auch im Arbeitsrhythmus zeigen. Auch innerhalb Europas gelten also bemerkenswerte Unterschiede. Spanier machen meist längere Mittagspausen, arbeiten abends dann aber länger als Deutsche.„Wir können wählen, welchem Zeitverständnis wir uns wie weit anvertrauen“, empfiehlt der Zeitforscher Robert Levine, „lineares Denken versucht Pausen und nicht produktive Zeiten aus einem Leistungsprozess eliminieren. Zirkuläres Denken sieht die Pausen hingegen als integrativen Teil des Gesamtprozesses und vermeidet die Unterscheidung in produktiv und unproduktiv.“Download Umgang mit Zeit, Zeit ist nicht überall Geld, Newsletter, Fix International Services

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