Warum in Japan die Stimme die Wahrheit sagt

Newsletter Februar 2014

istock-000008924403medium.jpgHaben wir bei der nonverbalen Kommunikation immer das richtige Gespür dafür, was in Gesprächen mit Geschäftspartnern und Freunden wirklich gemeint ist? Das vielsagende Sprichwort „Der Ton macht die Musik!“ wird dem Freiherren von Knigge (1752-1796) zugeschrieben. Wie recht der adelige Klassiker hatte, zeigt sich, wenn es um die Entschlüsselung der wahren Botschaft im interkulturellen Vergleich geht.
Mündliche Ausführungen sind nicht immer präzise und werden unterschiedlich aufgenommen. Deshalb behelfen wir uns damit, auch die Lautstärke, die Gesten oder die Sprechgeschwindigkeit im Auftritt unserer Gegenüber zu deuten. Bereits der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) wusste, dass es evolutionäre Vorteile hat, Emotionen erstens ausdrücken und zweitens ablesen zu können. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen, erst sein gemeinschaftsgeprägtes Denken hat ihn laut Darwin zu einem Evolutionsgewinner gemacht. Für unser Überleben war es wichtig, blitzschnell den Freund vom Feind unterscheiden zu können. Aus diesem Grund schließen wir auch heute noch von der Körpersprache und vom Aussehen unseres Gegenübers auf das Wesen seines Charakters. Doch kann man immer in andere hineinsehen? Besonders hilfreich zum Verständnis einer Botschaft erscheint uns das Gesicht. Die menschliche Mimik kann viele Facetten aufweisen. Wir bauen bei der Interpretation von Gesichtern auf die zahllosen Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens im sozialen Austausch bereits gemacht haben. Und schließlich konnten wir uns lange auch auf die Studien amerikanischer Forscher verlassen. Schließlich haben die Psychologen Wallace Friesen und Paul Ekman mit dem sogenannten Facial Action Coding System dokumentiert, welche Muskeln im Gesicht angespannt werden, wenn grundlegende Emotionen zum Ausdruck gebracht werden sollen. Ihre Untersuchungen wollten zeigen, dass der menschliche Gesichtsausdruck auf verschiedenen Kontinenten bei den sechs Grundemotionen Wut, Traurigkeit, Furcht, Glück, Interesse und Ekel – trotz großer kultureller Unterschiede –  vergleichbar sei und überall auf die gleiche Weise gedeutet wird. Demnach lässt sich Trauer überall mit einer einzigen Muskelkontraktion ausdrücken. Man glaubte lange, dass diesem Modell folgend, kulturelle Prägung keine wesentliche Rolle spielt. Doch es gibt Ausnahmen, das Modell taugt im globalen Maßstab nicht überall. So berichtet Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Kommunikationsdienstleisters Fix International in Hamburg: „Lachen wird in westeuropäischen Ländern mit guter Laune und Heiterkeit gleichgesetzt. Doch gilt Lachen in Japan oft als Zeichen von Unsicherheit oder gar Verwirrung – was schon ungezählte Missverständnisse zur Folge hatte. Wenn etwa bei einem Meeting der deutsche Manager seinem japanischen Geschäftspartner lautstark seine Meinung sagt und dieser den Ausbruch mit einem Lachen quittiert.“ 

Glücklich, furchtsam oder wütend?

Warum ist das so? Ist der Umgang mit nonverbalen Mitteln doch kulturabhängig? Was im mitteleuropäischen Raum gilt, kann in Südamerika oder Ostasien anderes gedeutet werden. Zwar werden vielen nonverbalen Signalen auch an vielen Orten auf der Welt die gleichen Bedeutungen zugeordnet. Aber eben nicht überall. Und in Japan kommt es,  wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge, lediglich auf den Klang der Stimme an. Allein deren Ton gibt den Inhalt des gesprochenen wieder, die Mimik gilt in Japan nicht als Ergänzung des Gesprochenen. Forschungsergebnisse des japanischen Psychologieprofessors Akihiro Tanaka, der in Tokio am Waseda Institute for Advanced Studies lehrt, zeigen die Gründe auf. Gemeinsam mit niederländischen Kollegen führten sie eine Studie mit japanischen und niederländischen Probanden durch. Deren aufschlussreiche Resultate veröffentlichten sie in der Zeitschrift Psychological Science. „Menschen sind soziale Tiere. Es ist wichtig für uns, den emotionalen Zustand anderer Menschen zu erfassen. So verstehen wir einander besser", erklärte Akihiro Tanaka in einem Interview, „doch bisher hat sich die Forschung über unsere Wahrnehmung emotionaler Zustände hauptsächlich auf die Mimik konzentriert.“ Das wollten Tanaka und seine Kollegen in einer breit angelegten Studie überprüfen und stellten sich die Frage, wie Mimik und Stimmklang zusammen wirken, um Menschen die Gefühlswelt eines Gegenübers zu erschließen.
 
Dafür zeigten die sie den Freiwilligen verschiedene Varianten von Videos, in denen Schauspieler unterschiedliche Aussagen artikulierten. Die Videos zeigten sie auf Japanisch und auch auf Niederländisch. Schließlich wurden die Videos bearbeitetet, der Satz erklang mit ärgerlicher Stimme, aber mit einem beglücktem Gesichtsausdruck und umgekehrt. Die Probanden betrachteten die Filme sowohl in ihrer Muttersprache, aber auch in der jeweils anderen Sprache. Es stellte sich heraus, dass die Japaner viel mehr Augenmerk auf die Stimme legten als das niederländische Team. Selbst wenn sie dazu angehalten wurden, die Gefühle von den Gesichtern abzulesen und die Stimmen außer Acht zu lassen, blieb das akustische Element für ihr Urteil entscheidend. Prof. Tanaka erklärte abschließend das Ergebnis: „Japaner verbergen ihre negativen Emotionen durch ein Lächeln. Viel schwieriger ist es jedoch, seine Stimme zu verstellen.“ Die Stimme sagt dort also eher die Wahrheit. Er leitet daraus ab, dass Japaner aus diesem Grund besonders empfänglich sind für die Aufnahme emotionaler akustische Signale. Die Niederländer hingegen sind, wie die meisten Westeuropäer, aufgrund ihrer Erziehung eher auf die Mimik fixiert – was im interkulturellen Kontext zu den vielbeklagten Missverständnissen führt. Trifft ein Europäer also auf einen lächelnden Japaner, kann es durchaus sein, das dieser gerade verärgert ist. Doch selbst westeuropäische Völker unterscheiden sich durch unterschiedliche Sprachmelodien. Wenn etwa Norweger deutsch Sprechen, halten wir ihren Ausdruck für stärker emotionalisiert, als sie dieses eigentlich ausdrücken. Denn Norweger haben größere Schwankungen in der Tonhöhe. Anderseits wird die Artikulation der Deutschen oft als unterkühlt fehl interpretiert. Denn bereits im angelsächsischen Raum fallen die Pegelausschläge in der Stimme stärker aus.  

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