„Ich bin doch kein Baum!“

Newsletter Juni 2014

Shabnam Jalali, Interkulturelle Kommunikation Iran, Newsletter, Fix International ServicesShabnam Jalali (38) ist Beraterin und Trainerin für interkulturelle Kompetenz. Als selbstständige Trainerin betreibt sie in Hamburg erfolgreich ihre eigene Unternehmung, Cross Culture Consulting. In diesem Rahmen berät sie bundesweit Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen bezüglich interkultureller Kompetenz. Sie besitzt Expertise für Europa, die USA und den Mittleren Osten. Frau Jalali war u.a. Feder führend bei der Organisation des Tageskongresses „Führungskräftetag“ 2012 in Hamburg und engagiert sich als Christin (die Deutsch-Iranerin ist Konvertitin) in dem christlichen Kinderhilfswerk „Die Arche“, das 1995 in Berlin gegründet wurde und mittlerweile an 15 Standorten in Deutschland Kindern und Jugendlichen ein warmes Mittagessen, einen Platz zum Spielen, Hausaufgabenhilfe und individuelle Förderung bietet. Daneben hat sie ein Job-Paten-Projekte für Jugendliche aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund aufgebaut, „aus eigener Erfahrung weiß ich, wie herausfordernd das Leben mit zwei oder mehr Kulturen sein kann!“
Rubrik: Interview

Frau Jalali, vielen Ihrer Aktivitäten liegt ein Begriff von Vielfalt zugrunde. Was verstehen Sie darunter? 

Shabnam Jalali: Für mich ist Vielfalt ein überaus positiver Begriff. Er steht für Buntheit, für eine Vielzahl verschiedener Menschen und Möglichkeiten. Auch in Deutschland wird unter Vielfalt vermehrt etwas Positives gesehen. Deutschland erlebt gerade große Veränderungen, durch die Globalisierung und durch die vielen Menschen aus unterschiedlichen Nationen, die hier mittlerweile eine Heimat gefunden haben. Aber in vielen Köpfen passiert noch zu wenig. 

Was halten Sie von dem Begriff „Migrationshintergrund“? 

Ich mag den Begriff, ehrlich gesagt, nicht besonders. Obwohl er eigentlich eine präzise soziologische Beschreibung ist, gefallen mir die Ausdrücke „Alte Deutsche“ und „Neue Deutsche“ besser. 

Sie sind mit acht Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Wie beschreiben Sie sich? 

Shabnam Jalali: Ich fühle mich als Iranerin und als Deutsche. Dabei ist es für die Neuen Deutschen manchmal schwierig, sich als Deutsche zu bezeichnen. Ich kenne beispielsweise eine Ghanaerin mit deutschem Pass, der das mittlerweile schwer fällt. 

Woran liegt das? 

Shabnam Jalali: Weil sie sich dann gegenüber den Alten Deutschen erklären muss, auf die Dauer ist das recht anstrengend… 

Was ist für Sie typisch Deutsch? 

Shabnam Jalali (lacht): Zum Beispiel die Frage: „Woher kommst du? Wo liegen deine Wurzeln?“ Ich muss dann manchmal wirklich lachen – als wäre ich ein Baum! Auf der anderen Seite finde ich typisch deutsch die hierzulande herrschende Direktheit im Umgang miteinander. Und natürlich die Werte Ordnung und Pünktlichkeit. Weltweit ist bekannt, dass es diese Werte sind, die deutsche Unternehmen erfolgreich machen.  
Sie sind Deutsch-Iranerin.

Von welchen iranischen Werten könnten die „Alten Deutschen“ Ihre Ansicht nach etwas gebrauchen? 

Shabnam Jalali: Da fallen mir sofort Höflichkeit und Respekt ein, Respekt besonders im Umgang mit alten Menschen. Und darüber hinaus möchte ich gerne die Liebe zum Genuss nennen, ein Wert, der auch mit der Fähigkeit zur Muße zu tun hat. 

Wo besteht hierzulande Ihrer Ansicht nach der größte Nachholbedarf im Bezug auf interkulturelle Fähigkeiten? 

Shabnam Jalali: Mittlerweile haben viele Unternehmen die große Bedeutung von interkultureller Kompetenz erkannt. Sowohl für die Arbeit mit ständig vielfältiger werdenden Teams in Deutschland, aber auch für Managerinnen und Manager, die außerhalb der Landesgrenzen im Einsatz sind. Aber Deutschland befindet sich im Umbruch, Interkulturalität muss deshalb auch außerhalb der Unternehmen ein größeres Thema werden. Es reicht nicht, Bücher zum Thema zu lesen. Ich bin überzeugt, dass man interkulturelle Fähigkeiten erlernen kann. Dabei sind Menschen klar im Vorteil, die auf Veränderungen positiv und aufgeschlossen reagieren. 

Seit August 2012 arbeiten Sie für das Kinderhilfswerk "Die Arche" in Hamburg. Worin besteht Ihre Aufabe? 

Shabnam Jalali: Ich betreue dort Jugendliche, manche von ihnen sind schon als Kinder in die Arche gekommen. Als Coach und Berufsberaterin begleite ich sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben.

Warum ist das Leben mit zwei Kulturen für Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders herausfordernd? 

Shabnam Jalali: Weil der Selbstfindungsprozess dieser Jugendlichen komplizierter ist und länger dauert. Noch herausfordernder als bei Kindern ohne Migrationshintergrund ist oft die Zeit der Pubertät. Da ist es sehr hilfreich, gemeinsam mit diesen Jugendlichen die kulturell bedingten Probleme zum Thema zu machen. 

Woran erkenn Sie, welche Hilfe diese Jugendlichen brauchen?   

Shabnam Jalali: Das ist oft ein langwieriger Prozess. Ein Beispiel: Eine Jugendliche wird seit vier Jahren von der Arche betreut. Da geht es darum, mit der Mutter zu sprechen. Herauszufinden, welche Ressourcen diese Jugendliche besitzt. Geht das Mädchen gerne Reiten, organisieren wir den Unterricht. Hat sie ein musikalisches Talent? Dann suchen wir nach Fördermöglichkeiten. Es beginnt mit Mathenachhilfe und geht bis zur intensiven Einzelbegleitung. Vordergründig ist das Problem vielleicht, dass ein Jugendlicher nicht zur Schule geht. Doch dahinter stehen andere massive Herausforderungen. Parallel dazu läuft die Berufsorientierung. Kann der Jugendliche Abitur machen? Welche Ausbildung sollte angestrebt werden? Das passiert häufig in enger Abstimmung mit den Eltern. Wir unterstützen die Eltern, oder geben Empfehlungen, wo sie Hilfe und Beratung erhalten können.  

Gibt es auch beglückende Erlebnisse bei Ihrer Arbeit in der Arche?

Shabnam Jalali: Natürlich, ganz viele! Wenn ich einem Jugendlichen einen Jobpaten vermittelt habe, das sind Berufstätige, die ehrenamtlich die Jugendlichen über eineinhalb Jahre in der Ausbildung begleiten. Und wenn dann einer dieser ansonsten total coolen Jugendlichen sagt, dass er uns dankt, weil wir sein Leben verändert haben: das sind echte Sternstunden. Doch leider gibt es auch sehr hässliche Momente. Wenn man nachts mit einem Mädchen, dem körperliche Gewalt zugefügt wurde, im Krankenhaus sitzt. Schön ist, wenn dann auch genau dieses Mädchen kommt und sagt: „Ich lasse nicht mehr zu, dass mir das passiert. Helft mir!“  

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