Interkulturelle Kommunikation Israel: „Scheitern ist in Israel erlaubt!“

Newsletter Dezember 2011

Maike Diehl, Scheitern ist in Israel erlaubt, Interview Fix International Services„Das Wirtschaftswunder im Heiligen Land!“, titelte die FAZ einen Artikel über die ökonomischen Erfolge Israels, „seit Jahren strebt die israelische Wirtschaft nach oben, nicht einmal die Finanzkrise hat das Land zurückgeworfen.“ Und auch das Geheimnis des Erfolgs glaubt das Blatt zu kennen: „Ideen im Überfluss.“ Tatsächlich war Israel noch in den 80er Jahren ein wirtschaftlich stagnierendes Land. Doch dann setzte ein Aufschwung ein, der bis heute anhält. Weil der Wirtschaftsraum im eigenen Land begrenzt ist, expandieren viele israelische Unternehmen ins Ausland. Die Frankfurter PR-Unternehmerin Maike Diehl hat sich erfolgreich in einer Nische etabliert und unterstützt diese Unternehmen in Deutschland.
Rubrik: Interview mit Maike Diehl

Maike Diehl ist Geschäftsführerin der Frankfurter PR-Agentur Diehl Kommunikation GmbH. Sie schloss 1998 ihr Studium der Germanistik, Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Siegen ab. Sie absolvierte zwei Auslandssemester ‚Middle Eastern’ Studies an der Hebräischen Universität in Jerusalem und 2003 ein Management-Aufbaustudium. In einem Volontariat bei der Medical Tribune lernte sie journalistisches Arbeiten und wechselte dann in die PR. Maike Diehl verfügt über langjährige berufliche und persönliche Kontakte nach Israel und ist eine gute Kennerin der israelischen Kultur. Sie ist Mitglied in der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung e.V. und im Unternehmernetzwerk BusinessAktiv e.V.



Frau Diehl, was macht die boomende Wirtschaft in Israel aus?

Maike Diehl: Dieser Boom hängt mit verschiedenen Aspekten zusammen. Sehr gute Bildung ist einer der Punkte. Ein anderer ist die spezielle Gründermentalität, in der es erlaubt ist, mit einer Idee auch einmal zu scheitern: Anpacken und umsetzen lautet die Devise und geht nicht, gibt es nicht. Nach den USA hat weltweit kein Land mehr Start-Ups als Israel und an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq sind mehr israelische Unternehmen gelistet als Unternehmen aus Europa, Korea, Japan, Indien und China zusammen. Mit 4,8 Prozent des BIPs wird zudem ein vergleichsweise hoher Prozentsatz in zivile Forschung und Entwicklung investiert. In den USA sind es z. B. 2,2 Prozent und in Deutschland 2,5 Prozent. Der Zusammenbruch des Warschauer Pakts brachte Israel einen Innovationsschub: in den 90er-Jahren kamen hunderttausende russische Juden ins Land, viele von ihnen waren gut ausgebildete Informatiker oder Ingenieure.

Warum ist der deutsche Markt für israelische Unternehmen interessant?

Maike Diehl: Israel ist ein kleines Land, flächenmäßig etwa so groß wie das Bundesland Hessen. Deswegen steht irgendwann für jedes erfolgreiche Unternehmen die Frage nach einer Expansion auf der Tagesordnung. Den USA fühlen sich viele Israelis kulturell am engsten verbunden. Doch Deutschland ist der zweitwichtigste Markt. Das hat auch praktische Gründe, die Flugzeiten sind kürzer und aufgrund der Zeitzone können Telefonate und Videokonferenzen zu normalen Bürozeiten geführt werden. Einer unserer Kunden gab z. B. seine USA-Niederlassung zugunsten seines Engagements in Deutschland auf.

Welchen Ruf hat Deutschland?

Maike Diehl: Deutschland gilt in Israel als schwieriger Markt! Wer es hier schafft, der wird es auch in anderen europäischen Ländern schaffen. Mir ist schon häufig die Äußerung begegnet, dass wir in Deutschland detailverliebt sind, dass wir für alles einen Plan machen oder positiv formuliert, dass wir gut organisiert sind. Da wo Israelis oftmals aus pragmatischen Gründen eher auf die zweitbeste Lösung setzen, wissen sie, dass in Deutschland Qualität sehr wichtig ist. Das wird auch bewundert.

Welche Bedeutung hat der millionenfache Mord an den Juden, den Deutsche begangen haben?

Maike Diehl: In meinem Arbeitsalltag kann ich sagen, dass das Thema keine Rolle spielt, und ich denke, dass lässt sich auch verallgemeinern. Es gibt vielfältige Geschäftsbeziehungen, die auch zu langjährigen freundschaftlichen Kontakten werden, so wie es überall in der Welt sein kann. Und dennoch ist das Thema immer da und die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland sind und bleiben aufgrund unserer Geschichte, besondere Beziehungen, in der wir gegenüber Israel auch eine besondere Verantwortung haben.

Was müssen deutsche Mitarbeiter wissen, die bei einem israelischen Unternehmen anheuern?  

Maike Diehl: Wenn israelische Unternehmen in Deutschland Niederlassungen betreiben oder aufbauen, werden diese häufig von israelischen Managern geführt. Allgemein würde ich sagen, sind Israelis, im Unterschied beispielsweise zu den Briten, sehr direkt, forsch und offen, auch in ihrer Kritik. Gewöhnungsbedürftig kann sein, dass man in Meetings regelmäßig um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Das liegt daran, dass die Aufmerksamkeitsspanne oftmals kurz ist, auch bei durchaus sehr wichtigen Treffen. Aus Höflichkeit zuhören gibt es nicht. Es kann in Meetings auch schon mal lauter werden. Es ist üblich, dass Blackberrys und iPhones in Meetings nicht ausgeschaltet werden und Mails und Telefonate durchaus auch beantwortet werden.

Gibt es Gemeinsamkeiten bei israelischen Managern?

Maike Diehl: Die Zeit, die junge Israelis bei der Armee verbringen, prägt auch ihr späteres Berufsleben. In der Regel sind israelische Geschäftsmänner jüdisch und säkular. Sie waren drei Jahre in der Armee. Seit ein paar Jahren ist es üblich, dass sie nach der Armeezeit häufig mit dem Rucksack und Freunden in Asien oder Südamerika unterwegs waren. Die Armee-Freunde sind heute das wichtigste berufliche Netzwerk. Deshalb ist auch die Position, die jemand dort bekleidet hat, wichtig. Vertrauen spielt eine große Rolle.

Auch viele Frauen sind erfolgreiche Managerinnen. Was prägt sie?

Maike Diehl: Auch israelische Geschäftsfrauen waren zwei Jahre, manche als Offizier auch drei Jahre, bei der Armee. Viele haben dort auch Männer ausgebildet. Frauen haben – trotz Karriere – meist mehrere Kinder. Für Israelis hat die Familie eine sehr große Bedeutung.  Es ist in der Regel akzeptiert, dass Mütter und Väter in dringenden Fällen früher nach Hause gehen, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern müssen oder sie auch tageweise von zu Hause arbeiten können. Es ist selbstverständlich, dass ihnen hier vertraut wird. Mir ist übrigens schon häufig die Frage gestellt worden, warum wir in Deutschland eigentlich so wenige Kinder bekommen? Für Israelis ist das gänzlich unverständlich.


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