Chinesen in Deutschland: „Ich denke schon ziemlich deutsch!“

Newsletter Januar 2014

fix-nl-31-jenny-jin-jin-chung-0114.jpgMit über 10.000 gebürtigen Chinesen leben in Hamburg so viele Chinesen wie in keiner anderen deutschen Stadt. „Hanbao“, die „Burg der Chinesen“ hat sich zur größten Community des Landes entwickelt und bildet das Zentrum deutsch-chinesischer Handelsaktivitäten, fast 500 chinesische Unternehmen haben hier eine Niederlassung. 1731 ging das erste chinesische Handelsschiff an der Elbe vor Anker, die Reederei Hapag schipperte seit 1898 einmal pro Monat von Hamburg nach Schanghai. Jeder dritte Container, der heute im Hamburger Hafen gelöscht wird, kommt aus China oder geht dorthin. Zu Beginn der 1950er Jahre des 20. Jahrhunderts siedelten sich Chinesen in der Hansestadt an und gründeten China-Restaurants, mit denen sie die Labskaus-Hanseaten für damals unbekannte exotische Speisen begeisterten. Im Fix International-Interview spricht die in Hongkong geborene Jenny Chung darüber, wie es ihr ging, als sie 1982 nach Deutschland kam. Was schätzt sie an ihrer neuen Heimat, welche chinesischen Traditionen pflegt sie hier – und womit kann sie ihre in Deutschland geborene achtjährige Tochter Jancis überraschen?
Rubrik: Interview

Jenny Chung (39) und Tochter Jancis Chung (8) leben zusammen mit Vater Johnnie und  Tochter Jil in einer Genossenschaftswohnung in Hamburg. Jenny Chung wurde in Hongkong geboren und kam 1982 mit sieben Jahren nach Hamburg, wo ihre Eltern ein China-Restaurant betrieben. Heute ist sie glücklich in Hamburg, hat einen Minijob in der Marktforschung und managt ihre Familie. Tochter Jancis wurde in Hamburg geboren und besucht hier eine Ganztagsgrundschule. Hongkong, Metropole und Sonderverwaltungszone an der Südküste der Volksrepublik China, zählt mit über 7 Millionen Einwohnern auf 1085 km² und den bedeutendsten Wirtschafts- und Finanzsektoren der Welt. 95 Prozent der Einwohner Hongkongs sind chinesischer Abstammung mit überwiegend kantonesischer Muttersprache. Während des Ersten Opiumkriegs 1841 wurde Hongkong durch das Vereinigte Königreich besetzt und 1843 zur britischen Kronkolonie erklärt. 1997 erfolgte die Übergabe der Staatshoheit an die Volksrepublik China. 



Frau Chung, Sie wurden in Hongkong geboren und kamen als Kind nach Deutschland. Welches waren die Gründe und wie fühlt sich ein Kind in einer völlig fremden Umgebung?

Jenny Chung: Ich bin mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen. Vorher habe ich bei meinen Großeltern in Hongkong gelebt, in einem kleinen Dorf. Ich hatte dort eine wunderschöne Kindheit und habe meine Eltern gar nicht vermisst, ich habe sie gar nicht gekannt. Sie hatten ein Restaurant in Bergedorf. Als ich drei Monate alt war, haben sie mich bei meinen Großeltern gelassen. Ich weiß gar nicht genau, warum meine Eltern mich hierher geholt haben, ich glaube, wegen der Schulausbildung. Da bin ich in eine völlig fremde Welt gekommen. In Hamburg-Bergedorf haben wir in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, wo die Türen immer geschlossen waren.

Jancis (fragt ihre Mutter): Haben die anderen Kinder Dich verstanden, als Du in Deutschland warst?

Jenny Chung: Nein, aber ich habe auch kein Wort verstanden. Ich konnte damals nur kantonesisch sprechen. Deshalb bin ich erst in den Kindergarten gegangen und dann in die Vorschule. Erst mit siebeneinhalb Jahren wurde ich eingeschult. Ich kann mich vage an die Schwierigkeiten erinnern, die es bedeutete, eine neue Sprache zu erlernen. Ich konnte kein „R“ aussprechen und habe „lot“ gesagt wenn ich „rot“ sagen sollte – und wurde dann immer ausgelacht…

Tochter Jancis: Wieso hast du denn „l“ gesagt, Mama? Du konntest doch auch „R“ sagen? „L“ und „R“ reimt sich doch gar nicht!

Jenny Chung: Chinesen können doch das „R“ nicht aussprechen… Jancis: Ich spreche am liebsten deutsch. Was haben Sie am Anfang hier vermisst?

Jenny Chung: Meine Freunde! Alles war fremd, die chinesische Mentalität ist eine ganz andere. Ich fand hier alles sehr, sehr distanziert. Ich bin dann alle zwei Jahre, auch als Kind, nach Hongkong geflogen. Ich wollte eigentlich da bleiben. Auch noch zu der Zeit, als ich in Hamburg Abi gemacht habe. Aber das hatte auch mit den Vorstellungen zu tun, die ich noch aus der Kindheit hatte. In Hongkong ist alles sehr schön, wenn man dort Urlaub macht. Aber nach dem Abi habe ich mich dort auf eine Arbeitsstelle beworben und bin in der Realität angekommen. Da habe ich gemerkt, dass mir die Menschen in Deutschland vertrauter geworden waren.

Wo haben Sie Ihren Mann kennengelernt?

Jenny Chung: In Hamburg. Aber auch seine Wurzeln liegen in Hongkong, doch er wurde in Hamburg geboren. Er ist mit sieben Jahren mit seiner Familie nach Hongkong zurückgegangen und mit fünfzehn zurückgekommen. Er wollte auch nicht wieder nach Deutschland zurück, fühlt sich aber mittlerweile auch in Hamburg wohler. 

Gibt es noch Dinge in Deutschland, die Sie überraschen?

Jenny Chung: Ich lerne immer noch dazu! Im letzten Jahr war ich zum ersten Mal auf einer deutschen Beerdigung. Da hatte ich mich vorher bei einer deutschen Freundin erkundigt, worauf ich achten muss. So tragen die Angehörigen in Hongkong weiße Kleidung, hier schwarze. In Hongkong gibt es zusätzlich zu einem Kranz noch Trauergeld für die Hinterbliebenen.

Wo sehen Sie große Unterschiede zwischen Hamburg und Hongkong?

Jenny Chung: In Hongkong gibt es viel mehr Smalltalk zwischen den Menschen. Auch wenn man sich gar nicht kennt. Mittlerweile empfinde ich es als Bereicherung, zwei Welten zu kennen. Als Kind fand ich es manchmal kompliziert. Ich wusste nie genau, wie die eine oder die andere Kultur funktioniert. 
  
Was ist für Sie typisch deutsch?

Jenny Chung: Bürokratie und Pünktlichkeit! Hier braucht man für alles Formulare. In Hongkong machen sich sehr viele Menschen selbstständig, hier ist es komplizierter und es gibt für alles eine Kategorie. Und hier weiß man genau: Um 15.03 h kommt der Bus, in Hongkong kann man das nur in 45 Minuten-Abständen. Dort warten die Leute geduldig. Dann geht man eben einen Kaffee trinken. Auch mit genauen Terminen ist es in Hongkong unkomplizierter. Wenn man jemanden Besuchen möchte, klingelt man einfach und schaut, ob er da ist. Positiv ist: Die Deutschen sind offener, auch bei Problemen. Die werden hier ausgesprochen. Das ist in Hongkong nicht so. Und auch Kritik findet nicht wirklich statt. Kinder dürfen in der chinesischen Kultur ihre Eltern nicht kritisieren. Wenn Jancis jetzt in Hongkong zu Schule gehen würde, käme es zu einem Kulturschock. Die Klassen dort sind sehr groß. Und nach irgendwelchen Meinungen wird dort nicht gefragt. Dort stehen Eltern und Kinder permanent unter großem Stress und Leistungsdruck.

Welche chinesischen Traditionen pflegen Sie in Deutschland? 

Jenny Chung: Ganz wichtig ist chinesisches Essen! Unsere Lieblingsessen sind gedämpfte Speisen, zum Beispiel gedämpfte Rippchen oder Hähnchenflügel. In Hamburg gibt es übrigens viele sehr gute asiatische Supermärkte. Auch auf das chinesische Neujahrsfest Ende Januar freuen wir uns. Aber es gibt hier keine China Town. Wir feiern in der Familie. Die Kinder und unverheiratete junge Leute bekommen dann rote Umschläge mit Geld.

Ihre  Tochter besucht, neben der Grundschule, einmal die Woche auch die chinesische Schule. Was lernt sie dort und warum glauben Sie, dass das für sie in ihrem späteren Leben wichtig ist?

Jenny Chung: Sie wächst auch in zwei Kulturen auf, aber in der chinesischen Schule bekommt sie eine genauere Vorstellung von der chinesischen Kultur. Und sie lernt ja auch die chinesische Sprache und die chinesischen Schriftzeichen, die viel über die chinesische Kultur vermitteln. Es gibt über 10.000 Schriftzeichen, um eine Zeitung lesen zu können, braucht man etwa 3.000 Zeichen. Es macht ihr allerdings nicht immer Spaß. Aber ich sehe bei meinen Cousins, die hier geboren wurden, dass sie sich als später als Jugendliche für die chinesische Kultur zu interessieren begannen und so ihre Identität ausbilden können. Das ist wichtig, wenn man in zwei Kulturen aufwächst! 
 
Was fällt Ihnen bei Besuchen in Ihrer Heimat auf?

Jenny Chung: Wenn ich in Hongkong bin, fällt mir auf: ich denke schon ziemlich deutsch.  Und in Hamburg fühle ich mich manchmal zu chinesisch. In Hongkong denke ich: Hier gehöre ich nicht hin, weil ich bestimmte Gedankenzüge nicht nachvollziehen kann, hier ist es dann genau andersrum. Allein schon durch die Erziehung ist meine Tochter Jancis völlig anders sozialisiert als ich. Denn meine Eltern hatten zwar jahrelang in Deutschland gelebt. Aber sie waren in diese Gesellschaft nicht integriert. Sie kennen sich in der deutschen Kultur überhaupt nicht aus. Das ist bei mir und meinem Mann schon völlig anders. Weil wir eine deutsche Ausbildung genossen haben und viele deutsche Freunde haben.

Werden Sie dauerhaft in Hamburg bleiben? 

Jenny Chung: Ich bin in Hamburg angekommen, ich bin zufrieden. Ob wir mal nach Hongkong zurückgehen, weiß ich nicht. Meine Schwiegereltern leben dort – auch sie werden älter.
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