Transkulturalität oder: Wie viel Heimat braucht der Mensch?

Newsletter Oktober 2012

istock-000012148264large.jpgZu den vielstrapazierten Modewörtern unserer Zeit gehört der Begriff der Interkulturalität. Daneben existiert eine Vielzahl weiterer Begriffe, die im Zusammenhang mit der Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen von Wissenschaftlern geprägt wurden. Zu den bekanntesten zählen Multikulturalität, Transkulturalität und Plurikulturalität. Was steckt dahinter und worin bestehen die Unterschiede?
In einem Fix International Newsletter-Interview hatte Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, der in Hamburg Erziehungswissenschaften lehrt, auf die Frage nach dem Wesen der interkulturellen Kompetenz eine treffende Definition geliefert: „Interkulturelle Kompetenz beschreibt eine Handlungsweise, die darin besteht, kritisch-reflexiv und konstruktiv mit kulturellen Phänomenen in ihrer Vielfalt umzugehen. Diese kulturelle Vielfalt kann sich auf das Geschlecht, die Ethnie, die Religion, das soziale Milieu, die Sprache, das Alter oder die sexuelle Orientierung anderer Menschen beziehen.“ Praktisch gesehen bedeutet das: ein deutscher Manager, der in Indien, Beijing oder Moskau tätig ist, muss wissen, vor welchem historischen Hintergrund sich sein eigener Wertekanon und der seiner ausländischen Partner gebildet hat – und welche Folgen das für das Verhalten hat. Doch manche Wissenschaftler stellen die Frage, ob es in unserer globalisierten Welt diese traditionellen Vorstellungen und einheitlichen Nationalkulturen überhaupt noch gibt. Und sie spitzen dabei ihre Fragestellung zu: Bedarf es nicht größerer Verständigungsanstrengungen, wenn Berliner Hip-Hop-Musiker im Hochsauerland auf die gleichaltrigen Mitglieder einer Schützenkapelle treffen, als wenn ein indischer IT-Profi aus Delhi in London mit seinem Fachkollegen aus München über die  Netzwerkprobleme eines Kunden nachdenkt? Längst ist die Gegenwart durch Vernetzung gekennzeichnet, moderne Arbeitsformen erfordern permanent den Austausch mit Menschen, deren Lebens- und Denkweisen sich von unseren unterscheiden, per E-Mail, in der Video-Konferenz oder im Meeting.

Multikulti, interkulti, transkulti oder plurikulti?   

Ein Begriff, der diese Entwicklungen erfassen will, ist der der Transkulturalität. Wolfgang Welsch, ein deutscher Philosoph und Theoretiker der Postmoderne, hat ihn geprägt. Er suchte eine zeitgemäße Erklärung, die über die Ansätze anderer Kulturkonzepte hinausgeht, etwa denen der Pluri-, Multi- oder Interkulturalität.

Das Konzept der Plurikulturalität behauptet die statische Existenz verschiedener Kulturen nebeneinander, sowohl innerhalb einer einzigen Gesellschaft, als auch über national-kulturelle Grenzen hinaus. Plurikulturalität führt nicht zwingend zu einer wechselseitigen ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Durchdringung, die Interaktion oder die Möglichkeit des Kulturmixes sind nicht unbedingt vorgesehen.

Multikulturalität beschreibt das Nebeneinander verschiedener Kulturen innerhalb der Gesellschaft. Die jeweiligen Einheiten sind dabei abgeschlossen und voneinander abgegrenzt, eine Verschmelzung der verschiedenen Kulturen findet nicht statt, es bleibt bei einem Nebeneinander. Die Kultur eines Landes ähnelt einem Mosaik, das sich aus verschiedenen Kulturen zusammensetzt. Ähnlich sieht auch das Konzept der Interkulturalität aus, das voneinander abgegrenzte Kulturblöcke zur Grundlage hat. Diese treffen aufeinander und können sich überschneiden und beeinflussen, bestehen jedoch weiter aus charakteristischen und  fremden Elementen. Man findet dafür in der Forschung häufig das Modell von Kugeln, die aufeinander zurollen, sich aber nur kurz berühren. Im Unterschied zu polykulturellen oder multikulturellen Modellen versucht die „Interkulturalität“ das bloße Nebeneinander von Kulturen zu durchbrechen, Ziel ist Dialog und Austausch.

Im Gegensatz dazu bilden nach dem transkulturellen Verständnis des Philosophen Welsch Kulturen nicht zwingend geschlossene Einheiten. Seiner Erkenntnis nach sind sie inzwischen verflochten und vernetzt. Eine neuartige Form der Kultur sei  entstanden, „die durch die klassischen Kulturgrenzen wie selbstverständlich hindurchgeht.“ Allerdings bedeutet sein transkulturelles Modell nicht, dass sich gerade eine homogene Weltkultur herausbildet. Denn auch Differenzen haben weiter ihren Platz. Doch entwickelt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen, die nicht mehr auf nationalstaatlichen Grenzen basieren, sondern das Resultat kultureller Austauschprozesse sind. Kulturen sind also nicht mehr räumlich-zeitlich bestimmbare Gemeinschaften, die Fremdes ausschließen. Stattdessen stellen sie ein Ideal einer Gesellschaft dar, an der alle Menschen teilhaben - egal woher sie ursprünglich kommen. „Viele Modelle, die die Folgen weltweiter Migration und Globalisierung für die Menschen beschreiben, haben einen entscheidenden Fehler“, erklärt Bettina Kertscher, Geschäftsführerin von Fix International Services in Hamburg, „denn sie vergessen, dass trotz größerer Mobilität fast alle Menschen weiterhin starke Bindungen zu ihrer Herkunftskultur und ihrer Heimat haben.“  In diesem Zusammenhang werden häufig die Third Culture Kids genannt. Diese „Drittkultur-Kinder“ sind Kinder und Jugendliche, die nicht in der Kultur ihrer Eltern aufgewachsen sind, oder – als Kinder oder Jugendliche – häufig die Kultur gewechselt haben. Ursächlich sind hier meist die Umzüge ihrer Eltern. Oft sind Third Culture Kids die Kinder von Diplomaten, Entwicklungshelfern, Expats oder Lehrern. Die Folge sind spezielle Prägungen und besondere Charaktermerkmale, die ihr Verhalten und ihre Einstellungen beeinflussen. Sie führen ein Leben zwischen der Heimatkultur (der ersten Kultur), der Gastkultur (als zweiter Kultur), die dann zu einem weiteren Lebensstil führt: der „Drittkultur“. Sie übernehmen Stücke unterschiedlicher Kulturen, und fühlen sich schließlich – was durchaus problematisch sein kann – keiner Kultur vollständig zugehörig.

Arbeitswissenschaftler weisen darauf hin, dass künftig Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln, Mentalitäten und Einstellungen auch im Berufsleben die Regel sein werden. Welches Verhalten ist in dieser immer komplexer werdenden Welt für Leiter von Unternehmen, Personaler und Vorgesetzte zu empfehlen? „Es gibt hilfreiche Dialogregeln. Dazu gehört Zuhören – das kann man lernen. Und auch die Trennung von faktischer Wahrnehmung und persönlicher Interpretation einer Situation kann man im Training verbessern, “ weiß Katrin Brass, Leiterin des Bereichs Interkulturelles Training bei Fix International.


 

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