Arbeiten in Deutschland - VICTOR RUIZ - „Mehr Sachlichkeit würde in gefühlsbetonten Kulturen nicht schaden!“

Newsletter August 2012

Arbeiten in Deutschland, Interview Victor Ruiz, Newsletter Fix International ServicesDie Globalisierung bietet immer mehr deutschen Managerinnen und Managern die Möglichkeit, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Doch welche Eindrücke sammeln Ausländer in Deutschland? Hierüber spricht Victor Ruiz, der 1966 in Uruguay geboren wurde und seit 1999 in Deutschland lebt, im Interview. Die Bevölkerung Uruguays (3,5 Millionen Einwohner), dem kleinsten spanischsprachigen Staat in Südamerika, setzt sich zu 88 Prozent aus den Nachkommen europäischer Einwanderer zusammen. Diese kamen mehrheitlich aus Italien und Spanien und darüber hinaus aus deutschsprachigen Ländern.
Rubrik: Interview mit Victor Ruiz

Victor Ruiz wurde 1966 in Montevideo, Uruguay, geboren und besitzt die italienische und uruguayische Staatsangehörigkeit. 1986 – 1988 Studium der Psychologie an der Staatlichen Universität in Montevideo, Uruguay, 1999 – 2007 Studium der Hispanistik an der Universität Hamburg (Abschluss: Magister Artium). Weiterbildung als Kulturmanager in Hamburg. Heute arbeitet er als Kulturmanager, Ausstellungsmacher, Sprachlehrer, Performancekünstler und Übersetzer. Auszeichnung zum Ehrenbürger der Stadt Colonia del Sacramento (Uruguay) aufgrund seines kulturellen Engagements, 2007 erhielt er die „Auszeichnung zum Vertreter des Kultusministeriums von Uruguay im Ausland“, als Performancekünstler  hatte er 2004 eine Solorolle bei der Oper „Aida“, an der Staatsoper Hamburg.



Victor Ruiz, Sie stammen aus Uruguay und leben seit 1999 in Hamburg. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?

Victor Ruiz: Uruguay habe ich im Prinzip nicht verlassen. Meine Heimat trage ich im Herzen und schließe nicht aus, mich nach Beendigung meiner Qualifizierung als Dolmetscher und Übersetzer, beruflich in Uruguay zu betätigen. Der Grund, Uruguay zu verlassen, beruht eher auf meinem Fernweh und dem Wunsch meine Horizonte zu erweitern, indem ich mir eine neue Kultur aneigne. Ich behalte aber immer vor Augen, wo meine Wurzeln liegen, worauf ich stolz bin und ziehe die Möglichkeit einer Rückkehr, einer „vuelta a la semilla“, wie es García Marquez ausdrücken würde, in Betracht. Uruguay ist aus der Zusammensetzung von Einwanderern aus Spanien, Italien und Ländern Osteuropas entstanden. Als ihre Nachkommen sehnen wir uns daher nach der so genannten „Alten Welt“, so wie sich der Pilger nach Mekka sehnt. In meinem Fall hat mir ein Stipendium die „Pilgerfahrt“ ermöglicht und erlaubt, mein Studium in Hamburg abzuschließen. Anschließend habe ich aufgrund anderer Projekte meinen Aufenthalt in der Hansestadt verlängert. Mittlerweile sind es schon 12 Jahre, die ich hier wohne.
 
Was gefällt Ihnen gut in Deutschland?

Victor Ruiz: Zum Beispiel die Sicherheit, die Aufgeschlossenheit, die Vielfalt am Kulturleben oder auch die Zuverlässigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel. Besonders gut gefallen mir die vielen Möglichkeiten, sich als Erwachsener in Deutschland weiter zu qualifizieren.    

In der Welt gelten die Deutschen vielfach als sehr sachlich, kühl und unemotional. Können Sie das bestätigen?

Victor Ruiz:  Bei dieser Frage muss ich etwas schmunzeln, denn sie bringt mich auf den Gedanken, dass ich jedes Mal, wenn ich bei mir in meiner Heimat zu Hause bin, von meinem Bekanntenkreis zu hören kriege, dass ich immer kühler wirke. Das sollte nicht nur für meine Anpassungsfähigkeit sprechen. Auf jeden Fall betrachte ich diese Charaktereigenschaften, die den Deutschen zugeordnet werden, gewissermaßen auch als Attribute, von denen ich ein bisschen auch anderen Völkern wünschen würde. Mehr Sachlichkeit würde z.B. in gefühlsbetonten Kulturen nicht schaden, in denen mit einem hohen Grad an Emotionalität versucht wird, Konflikte zu lösen. Oder wenn man will, in denen ausgerechnet wegen ihrer Emotionalität, von der sie geprägt sind,  Konflikte entstehen. Von diesem Phänomen ist Lateinamerika auch nicht ganz frei, einschließlich Uruguay. Diesen Aspekt sollten sich in entscheidenden Augenblicken deutsche Geschäftspartner vor Augen führen.
 
Uruguay ist ein Vielvölkerstaat, 88 Prozent der Bevölkerung sind Nachkommen europäischer Einwanderer, Sie selbst haben italienische Vorfahren. Wie viel Europa ist in Uruguay noch erlebbar und wie erleben Sie persönlich gerade die europäische Finanzkrise?

Victor Ruiz: In der Tat! Wie schon erwähnt, ist Uruguay sowohl gesellschaftlich, kulinarisch, als auch architektonisch sehr europäisch geprägt. Ein deutscher Urlauber erlebt die Hauptstadt Montevideo wie eine Stadt am Mittelmeer. Das mediterrane Flair lässt sich nicht nur an dem gemäßigten Klima, dem blauen Himmel und den endlosen weißen Stränden wahrnehmen, sondern auch an den mit Jugendstil verzierten Gebäudefassaden, an dem Carrara-Marmor, der unser prächtiges Parlament bekleidet und an der typischen Warmherzigkeit und den freundlich lächelnden Gesichtern der Menschen. Auf die „Siesta“ haben wir aber schon längst vor der europäischen Krise verzichtet. Was die Kulturmanifestationen anbelangt, hat Uruguay sein Alleinstellungsmerkmal entwickelt. So können Deutsche in Montevideo ein einzigartiges Karnevalsspektakel erleben, das einen Monat lang dauert und sowohl Umzüge als auch Open-Air Bühnen einschließt, wo getanzt, gesungen und geschauspielert wird. Karneval wird in Uruguay so gewürdigt, wie nirgendswo anders in der Welt.

Die Finanzkrise verfolge ich mit nicht mit weniger Spannung als jeder andere Bürger der Eurozone. Dabei hege ich die Hoffnung, dass das Euro-Projekt nicht scheitert. Letztendlich ist auch Uruguay zusammen mit anderen südamerikanischen Ländern mitten in einem Prozess der Wirtschaftsintegration. Im Rahmen dessen darf Europa in Zeiten der Globalisierung nicht aufhören, das Musterbeispiel zu sein, das andere Erdteile inspiriert.

Was können die Deutschen von den Uruguayern lernen?

Victor Ruiz: Gewiss einiges! Wir haben immer die Chance, von einer fremden Kultur etwas zu lernen. Eines ist sicher: Die Gelegenheit, für eine gewisse Zeit im Ausland zu sein, gibt uns die Möglichkeit, das Wertesystem unseres Kulturkreises, nicht nur mit Distanz von außen zu betrachten, sondern es auch einem anderen gegenüberzustellen. Das gewährt die privilegierte Chance, sich neu einzuschätzen, sich zu bereichern, gegebenenfalls neu zu prägen. Wir können nun selbst entscheiden, auf welche verankerten, kulturgeprägten Verhaltensmuster wir verzichten können, welche wir bewahren wollen, welche wir von der fremden Kultur respektieren, aber nicht übernehmen, und welche wir uns bewusst aneignen wollen.  

In diesem Zusammenhang kann ich nur verraten, dass ich immer wieder Berichte von Deutschen höre, die enthusiastisch erzählen, wie sie sich nach einer gewissen Zeit in Uruguay geändert hätten. Alle wünschen sich, einmal wieder zurückzukehren. Etwas muss daran sein.
 
Was sollten deutsche Manager bedenken, die in Uruguay arbeiten wollen?

Victor Ruiz: Sie sollten sich vor der Abreise sprachlich vorbereiten und rechtzeitig mit einem Spanischkurs beginnen. Und bereits im Vorfeld sollten sie sich darauf einzustellen, dass die uruguayischen Uhren ein wenig anders ticken. Mit verlängerten Wartezeiten ist zu rechnen; zum Beispiel bei den nationalen Verwaltungsverfahren und geschäftlichen Verabredungen. Des Weiteren braucht man sich nicht zu wundern, wenn auf Anfragen per Mail (idealerweise auf Spanisch) nicht gleich geantwortet wird oder überhaupt keine Reaktion kommt. Geben Sie die Hoffnung nicht auf! Warten Sie noch ein wenig ab und versuchen Sie es noch einmal. Probieren Sie eine etwas offensivere Kommunikationsstrategie aus und setzen Sie sich telefonisch mit der Kontaktperson in Verbindung. Rechnen Sie damit, dass Ihnen als Deutscher in Uruguay großes Ansehen entgegen gebracht werden wird, eine gute Voraussetzung für den Geschäftserfolg. Verzichten Sie aber möglichst darauf, während geschäftlicher Transaktionen alles mit Deutschland als Maß aller Dinge zu vergleichen und dies auch zu vermitteln. Das erspart interpersonalen Stress und stört nicht die interkulturelle Kommunikation. Schlussendlich bietet das idyllische Uruguay dem gestressten Manager die Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: gönnen Sie sich auch ein köstlich gegrilltes Steak und nehmen Sie ein entspannendes Sonnenbad am Strand. Aber vergessen Sie die Sonnencreme nicht!

Was mögen Sie nicht so gerne in Deutschland – mal vom Wetter abgesehen?

Victor Ruiz: Abgesehen vom „Schmuddelwetter“ … Grünkohl …


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