Beruf: Übersetzer

Newsletter März 2014

kindermann-mit-pannorama-2.jpgDer Übersetzerberuf wird immer anspruchsvoller, mit zunehmender Globalisierung, der Spezialisierung der Wirtschaft und der kontinuierlichen Beschleunigung vieler Arbeitsprozesse steigen die Anforderungen. Die Fähigkeit, sich schnell neues Wissen anzueignen, der versierte Umgang mit technischen Hilfsmitteln und auch Flexibilität und unternehmerisches Know-how sind wichtige Voraussetzungen. Übersetzer müssen die jeweiligen Fremdsprachen sehr gut beherrschen, aber auch Kultur und Geschichte der betreffenden Länder kennen und verstehen. Das erfordert ein scharfes Auge für die typischen Kommunikationsmuster und -techniken. Von ganz entscheidender Bedeutung ist auch eine überdurchschnittlich gute Beherrschung der eigenen Muttersprache, denn in der Regel wird in die Muttersprache übersetzt. Daneben ist je nach Fachgebiet weiteres sachbezogenes, auch landes- oder sprachspezifisches Fachwissen sowie Wissen über die jeweiligen Textsorten unerlässlich. In einem Punkt sind sich Analysten einig: Die Menge der zu übersetzenden Dokumente wird in den nächsten Jahren zunehmen, der Markt wird, unabhängig von Finanz- und Wirtschaftskrisen, wachsen.
Rubrik: Interview mit Rupert Kindermann

Rupert Kindermann, Jahrgang 1955, ist staatlich geprüfter Betriebswirt und arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich als freiberuflicher Übersetzer. Er lebt zusammen mit seiner Frau Barbara in Riegsee im Voralpenland, eine knappe Autostunde südlich von München gelegen. Seine Muttersprache ist deutsch. Fast die Hälfte seines Lebens hat Rupert Kindermann im Ausland verbracht, davon sieben Jahre in der Grafschaft Sussex, eine Autostunde  südlich von London (England), sieben Jahre in Kopenhagen und sieben Jahre in Los Angeles. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Englische. Er fertigt Fachübersetzungen in den Bereichen Recht, Wirtschaft und Finanzen sowie Technik an.



Herr Kindermann, Sie arbeiten als freiberuflicher Übersetzer. Wie müssen sich unsere Leser einen typischen Arbeitstag vorstellen? Welches sind Ihre Schwerpunkte?

Rupert Kindermann: In zwei Worten: geregelt ungeregelt. Ganz sicher kein 9-5 Job und dann wieder doch. Flexibilität wird definitiv gefordert – und bringt natürlich auch viele Vorzüge mit sich.  

Wie haben Sie zum Übersetzerberuf gefunden?

Rupert Kindermann:  Per Zufall! Ich komme ursprünglich aus dem Satz- und Design-Bereich, den man heute als DTP bezeichnet. Bei einer technischen Dokumention habe ich – aus Zeitgründen – die Übersetzung selbst angefertigt. Das Ergebnis: der Kunde war begeistert! Daraufhin habe ich mich bei einem Übersetzungsportal angemeldet. Innerhalb weniger Stunden erhielt ich den ersten kleinen Auftrag. Und kurz darauf gab es den nächsten größeren Auftrag. Die Nachfrage war sehr schnell sehr groß, innerhalb weniger Wochen habe ich mich selbständig gemacht. Seither bin ich hauptberuflich Übersetzer. Alles durch reines organisches Wachstum.

Welche Eigenschaften braucht ein guter Übersetzer?

Rupert Kindermann: Freude an der Sprache. Sprachsicherheit. Und das Verständnis von dem, was man übersetzt. Und Ausdauer. Es geht nicht nur um Eigenschaften, sondern auch um erlernbare Qualifikationen – denn ohne die geht es nicht, egal ob durch Selbststudium, Lesen, Interessen oder Studium. Als Übersetzer lernt man außerdem ständig dazu. Ich würde sagen, Freude am Lernen gehört auch dazu, denn man übersetzt wohl kaum immer nur das, was man bereits kennt. Man übersetzt den „Fortschritt“, das „Neue“ und nur selten das „Alte“. Was mir besonders hilft, sind meine Kenntnisse aus meiner früheren Tätigkeit im DTP-Bereich. Wie sehr sich diese Gebiete ergänzen, habe ich erst im Laufe meiner Übersetzertätigkeit bemerkt. Ich ermutige meine Kunden, mir keine (oft langwierig) „vorbereiteten“ Dateien von Katalogen oder Werbematerialien zu schicken, sondern die Originaldateien (oft in InDesign) – und zurück bekommen sie einen druckfertigen übersetzten Katalog, ein Buch, eine Dokumentation oder einen Flyer.  So helfe ich meinen Kunden, viel Zeit und damit auch Geld zu sparen.Beim Übersetzen können Nuancen entscheidend sein.

Spielen landeskundliche Kenntnisse und interkulturelle Kompetenzen eine Rolle in Ihrem Beruf?

Rupert Kindermann: Ganz bestimmt. Hier kommen mir meine vielen Jahre im Ausland zugute. Warum können viele Deutsche über englische Witze nicht lachen? Weil ihnen eben die erforderlichen Kenntnisse einer anderen Kultur fehlen. Das ist kein Vorwurf, einfach nur ein Fakt, den ich selbst erlebt habe. Erst nachdem ich Monate in England lebte, entdeckte ich den Witz am englischen Humor. Heute ist er für mich der feinsinnigste Humor, den ich kenne. Dazu kenne ich auch einen Übersetzerwitz, den ich in Amerika aufgeschnappt habe. Wie übersetzt man „Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht verstanden. Könnten Sie es bitte noch einmal wiederholen“ richtig auf bayerisch? Nach verschiedenen Fehlversuchen und Textbandwürmern die richtige Variante: „Ha?“ (und das ist nur gesprochen wirklich lustig). Diese Nuancen sind wie das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Ohne sie wirkt eine Übersetzung einfach nur fad.   

Was raten Sie jungen Menschen, die sich für den Übersetzerberuf interessieren?

Rupert Kindermann: Mut zum Ausprobieren! Viele Menschen haben beim Sprechen einer Fremdsprache zunächst Hemmungen, weil sie nicht perfekt sind. Zugleich freuen sie sich, wenn ein Ausländer deutsch spricht, egal wie holprig das klingt. Das lässt sich zwar nicht 1:1 auf das Übersetzen übertragen. Aber Ausprobieren gehört dazu. Außer man ist, zum Beispiel nach einem Studium, langjähriger Erfahrung und mit Referenzen ausgestattet, fest angestellt, arbeiten Übersetzer hauptsächlich selbständig. Bekanntlich wagt nicht jeder, ganz auf eigenen Füßen zu stehen. Ausprobieren heißt nicht „alles auf eine Karte setzen“ und einen sicheren Job aufgeben. Nebenbei ausprobieren. Und wenn einem (oder den Kunden) die Übersetzerei nicht gefällt, weiß man das eben auch – und lässt es wieder bleiben. Dass gute Sprachkenntnisse notwendig sind, ist offensichtlich. Aber dafür gibt es zahlreiche Kurse, Schulen und Studien. Aber nicht nur diese. Google zum Beispiel sucht Mitarbeiter bewusst nicht nach den klassischen Personalanforderungen (gute Zeugnisse schaden auch dort nicht), aber ein erstaunlich großer Anteil der Mitarbeiter hat sich seine Kenntnisse auf andere als die traditionelle (sprich: schulische) Weise angeeignet. Ich glaube, die Übersetzer stehen ganz in dieser modernen Tradition. 

Teilen Sie die Befürchtung, dass es künftig Computerprogramme geben wird, die genauso präzise übersetzen wie Menschen.  Ist das maschinengestützte Übersetzen bereits eine Konkurrenz? 

Rupert Kindermann: Nein. Übersetzen ist wie sprechen. Auch Computer können „sprechen“ – aber nicht kreativ. Man kann sie zwar in alle möglichen Richtungen programmieren, aber wirklich kreativ sind sie nicht. Genausowenig, wie Menschen jemals echte Roboter sein werden. Gleichzeitig hat es im Bereich maschinengestütze Übersetzungen gewaltige Fortschritte gegeben. Was heute möglich ist, war vor 15 Jahren noch ein Traum. Und so wird es auch voraussichtlich weitergehen. Ob es irgendwann die „perfekte automatische Übersetzung“ geben wird, steht in den Sternen. Aber dass sie immer besser werden wird, steht für mich außer Frage. Und je mechanischer die Anforderungen sind, umso eher werden automatische Übersetzungen sinnvoll einsetzbar. Je nach Bereich können sie unterstützen aber nicht ersetzen.

Was war der schönste Übersetzungsauftrag, den Sie bisher bekommen haben?  

Rupert Kindermann: Ich habe immer wieder schöne Aufträge. In der Regel denke ich dabei meistens an einen relativ aktuellen Auftrag. Aber meinen ersten großen Auftrag werde ich wohl nicht vergessen! Den habe ich nach meiner ersten Woche als Übersetzer, noch in meiner „Ausprobierphase“, erhalten. Sechs Wochen lang habe ich nichts gemacht als Übersetzen und Schlafen und Übersetzen… Danach habe ich nicht mehr gezögert, mich selbständig zu machen. Aber auch ein recht kürzlicher Auftrag fällt mir ein. Es ging nur um eine werbewirksame, im Deutschen, recht lange Überschrift. Natürlich konnte ich sie sofort übersetzen, aber sie hat mir einfach nicht gefallen. Es fehlte noch das „Salz“. Ich habe dann andere Aufträge bearbeitet und zwischendurch immer wieder auf diesen Satz geschaut, ohne dass mir eine bessere Idee gekommen wäre. Buchstäblich beim Einschlafen fallen mir die passenden Worte ein, die ich am nächsten Morgen ablieferte. Aus fünfzehn deutschen Worten machte ich vier englische Worte – aber die hatten jetzt den gewünschten Biss: „Two Hearts, One Soul!“ Loslassen gehört eben auch zum Übersetzen…

Was wäre im Bereich Übersetzung für Sie noch eine Herausforderung? 

Rupert Kindermann: Dazulernen ist ein fester Bestandteil beim Übersetzen, das macht den Reiz aus. Gerade im technischen Bereich, ob Patente oder andere Texte, stößt man immer wieder auf das Unbekannte, das Neue – und lernt dazu. Ich habe aber tatsächlich etwas, an dem ich arbeite und momentan noch in der Ausprobierphase bin: mich interessiert es, den Weg vom Ausgangsprodukt (Dokument, Katalog etc.) zum übersetzen Fertigprodukt so kurz wie möglich zu machen. Da ist noch jede Menge Luft drin (Möglichkeiten), wie man bei uns in Bayern sagt. Das ist ein weites, spannendes Betätigungsfeld.

Sie haben viele Jahre im Ausland gelebt, unter anderem in England, Dänemark und den USA. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Rupert Kindermann: Tatsächlich immer dort, wo ich gerade gelebt habe. Ich bin ein Flachwurzler, der schnell einen guten Stand findet und dann an Land und Leuten großes Interesse findet.

Gab es in diesen Zeiten etwas, dass Ihnen gefehlt hat?

Rupert Kindermann: Deutsches Brot! Besonders in England und Amerika. Ich hatte sogar richtige Entzugserscheinungen. Und in England bezahlte ich tatsächlich meine Wochenmiete einmal mit einem schönen großen deutschen Laib Brot. Denn mein Vermieter war Österreicher und litt unter den gleichen Qualen. Kopenhagen war in dieser Hinsicht eine große Erleichterung. Und jetzt fehlt mir die Möglichkeit, tag und nachts zu jeder Stunde an jedem Tag der Woche einkaufen gehen zu können, wie das in Los Angeles der Fall war. Daran musste ich mich anfangs wirklich wieder gewöhnen – an diese Einkaufsverbotszeiten.

Und gibt es etwas, was Sie, nach ihren Auslandsjahren, am Alltags- und Berufsleben in Deutschland besonders schätzen?  

Rupert Kindermann: Nach über 20 Jahren im Ausland habe ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland schon so etwas wie einen kleinen Kulturschock erlebt. Genausowenig wie die Deutschen, trotz ausführlicher Medienberichterstattung mitbekommen, wie sich das Leben in Amerika anfühlt, genauso wenig wissen die Amis, was es heißt, in Deutschland zu leben. Das habe ich am Anfang besonders stark empfunden und viele haben mich wegen meiner Aussprache für einen Amerikaner gehalten. Das gab sich zum Glück wieder, jetzt spreche ich unter anderem wieder akzentfreies Bayerisch. Ich mag vieles an Deutschland und den anderen Ländern, in denen ich gelebt habe. Jedes Land hat seine Vorzüge und auch seine Unebenheiten, privat wie beruflich. Wichtig ist, dass man sie kennt. Aber eine bayerische Brotzeit genieße ich nirgends mehr als in einem echten bayerischen Biergarten…

Herr Kindermann, Sie sind als Übersetzer gut im Geschäft. Tatsächlich aber haben Sie erst in diesen Beruf gefunden, nachdem Sie bereits eine andere Karriere erfolgreich absolviert hatten. 

Rupert Kindermann (lacht): Vielleicht liegt das in der Familie? Auch meine Frau Barbara, eine hochqualifizierte OP-Schwester, die am Aufbau einer der ersten Tageskliniken in Deutschland beteiligt war, liebäugelt immer mehr mit Übersetzungen. Sie war der Grund, dass ich meinen ersten medizinischen Text zur Korrektur angenommen habe. Meine Frau lektoriert mit Begeisterung komplizierte medizinische und medizinisch-technische Texte in Deutsch. Und wer weiß: vielleicht wird das sogar ihr nächster Hauptberuf? Gefallen würde es uns beiden! 
 
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