„Meine Heimat ist jetzt in Deutschland!“

Oktober 2015

fix-nl-43-interview-falak-rihawi-cornelius-1015-3.jpgFrau Dr. rer. nat. Falak Rihawi-Cornelius lebt mit ihrer Familie in Jena und arbeitet dort als Dolmetscherin und Übersetzerin. Sie ist 2. Vorsitzende des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), Landesverband Thüringen. Geboren wurde sie 1960 in Aleppo/Syrien. 1978 - 1982 studierte Frau Rihawi-Cornelius an der Universität von Aleppo Physik und Mathematik. Ihre Studien setzte sie 1985 – 1991 an der Martin-Luther-Universität Halle Physik und Mathematik, wo sie 1992 promoviert wurde.
Sie waren bereits Erwachsen, als Sie die deutsche Sprache gelernt haben. Wie lange dauert es, bis ein Erwachsener ausreichend deutsch spricht, um hier arbeiten zu können?  

Richtig, ich konnte kein Wort deutsch, als ich nach Deutschland kam. Aber ich war ehrgeizig genug, um es schnell zu lernen. Das Erlernen einer Sprache im Erwachsenenalter hängt vom Bildungsgrad ab. Ein Analphabet wird sich schwerer tun als jemand, der Erfahrung hat mit systematischem Lernen, beispielsweise durch ein Studium. Nach spätestens zwei Jahren sollten, bei entsprechend guter Unterstützung, ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden sein. Erfahrungsgemäß ist das immer auch eine Frage des Alters. Am schnellsten erlernen Kinder eine neue Sprache.  

Wann begann Ihr Leben in Deutschland und was fühlten Sie?
 

Meine Heimatstadt Aleppo in Syrien habe ich am 17. April 1985, dem Nationalfeiertag des Landes verlassen. Einst war dies der Tag der Unabhängigkeit von Frankreich. Damals hatte ich dort schon vier Jahre Mathematik und Physik studiert. Mein Ziel war es, in der Forschung zu arbeiten. Ich erhielt von meinem Land ein Stipendium und konnte damit an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale studieren. Damals war das noch die DDR!  Bereits im Wintersemester 1985 konnte ich mein Studium aufnehmen. Natürlich habe ich meine Familie vermisst. Zugleich waren es spannende Jahre. Von Halle aus konnte ich mit meiner Forschungsgruppe sogar ins nicht-sozialistische Ausland reisen, wie zu DDR-Zeiten der Westen hieß.  

1991 waren Sie Doktorin der Mathematik. Wie ging es weiter?
 

Nach der Promotion wollte ich zunächst nach Syrien zurück, meine Container waren bereits auf der Rückreise. Doch da erkrankte mein ältester Sohn. Weil in Deutschland eine  optimale medizinische Versorgung für ihn gewährleistet war, blieben wir hier. Nebenbei hatte ich in Halle schon als Dolmetscherin Arabisch/Deutsch gearbeitet. 1994 wurde ich schließlich vereidigt und konnte meine Fähigkeiten bei Gericht, bei der Polizei oder als Mathematikerin auch in der Wirtschaft erfolgreich einbringen. Außerdem habe ich hier auch meinen Mann kennengelernt. Gemeinsam zogen wir nach Jena. Mein Mann, ein Kfz-Meister, baute erfolgreich seine Werkstatt auf. Ich habe mich dann in Thüringen als Dolmetscherin und Übersetzerin für Deutsch und Arabisch vereidigen lassen.  

Was für Aufträge haben Sie dort bekommen?
 

Ich habe für Notare übersetzt, Gebrauchsanweisungen übertragen und auch beim Standesamt und im Gericht übersetzt und gedolmetscht. Nicht nur in Jena, sondern im gesamten Raum Thüringen. Allerdings hat mich auch die Mathematik nie ganz losgelassen. Ich blieb Mitglied meiner Forschungsgruppe, die physikalische Probleme mit mathematischen Formeln löst und besuchte weiter Vortragsveranstaltungen.  

Hat die dramatische Lage der Flüchtlinge aus Syrien in Deutschland Einfluss auf Ihren Alltag? Sind Ihre Sprachkenntnisse vermehrt gefragt?
 

Natürlich! Ich bin sofort nach Saalfeld auf den Bahnhof gefahren, zu den Flüchtlingen. Und auch in Hermsdorf in der Notunterkunft habe ich ehrenamtlich geholfen. In Jena dolmetsche ich im Jobcenter und auf dem Jugendamt, um meinen Landsleuten zu helfen. Ich möchte ihnen Ängste nehmen. Ihr Schicksal geht mir sehr nah.  

Wo liegt Ihre Heimat?
 

Keine Frage: Heute liegt meine Heimat in Deutschland. Hier habe ich die längste Zeit meines Lebens verbracht, hier leben meine Familie und viele meiner Freunde. 

Denken Sie manchmal daran, wieder in Syrien zu leben? 
 

Ich hoffe, irgendwann mal wieder meinen Urlaub in Syrien verbringen zu können, bei meiner Familie. Auch wenn das momentan schwer vorstellbar scheint. Aber ich werde in Deutschland leben in Zukunft. 

Wo sehen Sie noch Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen? 

Aufgrund der guten Versorgung der Kinder in staatlichen oder betrieblichen Kinderkrippen und Kindergärten war für die Frauen in der DDR Familie und Karriere besser vereinbar als in der alten Bundesrepublik. Das hatte natürlich Einfluss auf die Rolle der Frau, die im Osten vielfach selbstständiger waren.  

Wann waren Sie zuletzt im Syrien? Was empfinden Sie angesichts des Bürgerkrieges und haben welche Hoffnungen haben Sie, wenn Sie an die Zukunft des Landes denken?
  

Mit meiner Familie und Freunden war ich regelmäßig in Aleppo, zuletzt im Oktober 2010. Ich habe mich bis dahin immer sicher gefühlt in Syrien. Als Frau konnte ich selbstverständlich studieren. Religion und Staat waren immer getrennt. Das es zu einem solch grausamen Bürgerkrieg kommen könnte, lag früher außerhalb meiner Vorstellungskraft!     

Wer kommt jetzt aus Syrien als Flüchtling nach Deutschland?  

Die Menschen, die jetzt in Deutschland ankommen, sind intelligente Leute. Viele von ihnen sind Akademiker. Zurück bleiben in Syrien die armen Leute. Das ist nicht gut für ein Land. Die syrischen Flüchtlinge sind sehr dankbar, in Deutschland in Frieden leben zu können. Oftmals ist das Handy ihre einzige Verbindung zur Familie, die sie zurücklassen musste. Niemandem fällt es leicht, seine Heimat zu verlassen. Die Mehrheit der Flüchtlinge würde gerne schnellmöglich nach Hause zurückkehren.  

Wie realistisch sind die Vorstellungen der Flüchtlinge aus Syrien, ihre Zukunft in Deutschland betreffend?
 

Viele Menschen, die jetzt nach einer langen und entbehrungsreichen Reise in Deutschland ankommen und mit denen ich im Erstaufnahmelager gesprochen habe, sind enttäuscht. Viele wurden falsch informiert. Sie glauben, dass Deutschland ein reiches Land ist und jeder Neuankömmling hier sofort eine Wohnung und einen Job bekommt. Es ist wichtig, dass ich sie aufkläre.  

Was empfinden Sie angesichts des Bürgerkrieges in Syrien und welche Hoffnungen haben Sie, wenn Sie an die Zukunft Ihres Heimatlandes denken?  

Ich bin nicht optimistisch. Bis in Syrien wieder Frieden herrscht, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Und dann steht der Wiederaufbau des zerstörten Landes bevor. Man denke nur an die Zerstörungen an der Zitadelle, die im Juli 2015 durch eine Explosion schwer beschädigt wurde, eine der ältesten und größten Festungen der Welt, schrecklich. Der historische Basar neben der Zitadelle wurde bereits 2012 durch ein Großfeuer zerstört. Meine Geschwister leben, mit ihren Kindern, noch in Aleppo. Ich bin ständig in Sorge um sie. Wir halten Kontakt über das Telefon, solange es funktioniert. Oder über Whatsapp-Textnachrichten. Verrückterweise haben meine Leute im kriegszerstörten Aleppo mehr Hoffnung als ich.  

Wie kann man sich den Alltag in Aleppo vorstellen?  

Die Syrer sind ein lebenslustiges Volk! Viele Geschäfte sind geöffnet. Kommt es zu einem Anschlag oder dem Einschlag einer Bombe, werden innerhalb weniger Minuten die Schäden beseitigt. Halbwegs so etwas wie Normalität zu erzeugen ist dann das Ziel. Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen. Das Leben geht weiter. Verlässt jemand die Wohnung, kann es sein, dass er niemals mehr zurückkehren wird – überall drohen Anschläge und Bomben. Die Menschen sind dieser Realität ausgeliefert. Überall gibt es in der Stadt Kontrollstellen. Wer sie überwinden will, muss dafür bezahlen. Es blüht die Korruption, vielfach herrscht Willkür. Und viele Hunderttausend, die aus Syrien geflohen sind, leben jetzt in Flüchtlingslagern im Libanon, in der Türkei oder in Jordanien.  

Was vermissen Sie in Deutschland?
 

Manchmal fehlt mir bei den Menschen die Emotionalität. Hier geht es sehr sachlich zu. Die Syrier sind emotionaler. Andererseits macht hier jeder sein Ding. Das gefällt mir. Es gibt eine große Sicherheit. Hier haben meine Kinder eine Zukunft!           

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