Polyglot Gathering in Berlin – Mehr Mut zur Mehrsprachigkeit

Juni 2015

istock-000041898852-medium.jpgOb Manager, Ingenieur oder Student - niemand kommt heutzutage noch ohne Fremdsprachenkenntnisse durch den Alltag. Immer mehr Deutsche erweitern ihren Horizont und lernen Fremdsprachen. Die Krönung dieser Entwicklung sind sogenannte Polyglotte. Sie lernen viele Sprachen und versammelten sich jetzt in Deutschland auf einer Konferenz.
Längst wissen Forscher, wie und wann Menschen das Verstehen und Sprechen verschiedener Sprachen am besten erlernen. Eltern, die beim Nachwuchs früh auf Mehrsprachigkeit setzen, liegen richtig. Kinder besitzen bis zum Alter von vier Jahren die Fähigkeit, problemlos in Sprachen hineinzuwachsen. Ab acht Jahren, ausgerechnet wenn die meisten Schüler mit dem Erwerb einer ersten Fremdsprache beginnen, ist eine große Entwicklungsphase abgeschlossen, dann lernen Kinder Sprachen nicht mehr intuitiv.  

Eine besondere Begeisterung für andere Sprachen brauchte, wer am „2. Polyglot Gathering 2015“ in Berlin teilnehmen wollte, „Sprache ist wie eine Brille“ war das Credo der Veranstaltung. Dort kamen 350 Teilnehmer aus 53 Ländern mit einer Gemeinsamkeit zusammen: Alle sprachen mindestens fünf Sprachen und interessierten sich für Vorträge wie „Why Esperanto helpt und inspira zu lernen outras langues“ oder besuchten Seminare zum Thema „Wie verändert Bi- oder Multilingualität das Gehirn?“. Die Kunstsprache Esperanto, eine Weltsprache, die 1887 in Warschau am Reißbrett geboren wurde, gilt als guter Einstieg in die Welt der Vielsprachigkeit. 

Bereits 2013 fand eine Polyglot-Conference in Budapest statt, um dem weltweiten Netzwerk der Polyglotten ein öffentliches Gesicht zu geben. Das hatte  zuvor nur eine Nischendasein auf Internetplattformen, in Youtubechannels oder in Blogs geführt. Bekanntester Aktivist der Polyglotten ist der Brite Richard Simcott. Er bringt es auf über 40 Sprachen, von denen er – angeblich – 15 fließend beherrscht. „Es gibt kein Geheimnis, um eine fließende Sprachbeherrschung zu erreichen – außer Übung!“ lautet Simcotts Überzeugung. Zwar ist nicht exakt definiert, ab wie vielen Sprachen jemand als polyglott gilt. Doch die meisten Teilnehmer der Berliner Konferenz kamen erst durch das Berufsleben intensiver in Kontakt mit anderen Sprachen und haben anschließend weitere Sprachen erobert. Der irische Blogger Benny Lewis macht Neueinsteigern Mut, obwohl die These in seinem Blog „Fluent in three Months“ gewagt erscheint: innerhalb kürzester Zeit, so Lewis, erlangt Jedermann die Kompetenz, fließend in einer Fremdsprache zu kommunizieren. Er selbst parlierte als 20-Jähriger nur Englisch, obwohl er jahrelang Gälisch und Deutsch in der Schule hatte lernen sollen. Auch sein Rat: Eine Sprache lernt man, wenn man sie spricht – und sich keine Sorgen um anfängliche Fehler macht, also: „Sprechen, sprechen, sprechen!“    

Die Initiatorin des ersten Polyglott Gathering in Deutschland war Judith Meyer, eine Computerlinguistin, die es auf  13 Sprachen bringt. Die 30-Jährige spricht außer Deutsch noch Französisch, Englisch, Chinesisch und Esperanto fließend und verständigt sich bestens auf sieben weiteren Sprachen, darunter Indonesisch und Suaheli. Meyer zählt man somit zu den Hyperpolyglotten, also Menschen, die mindestens elf Sprachen beherrschen.  

„Von dem Treffen geht eine Ermutigung aus!“          

Auch Politiker gehen mit der Zeit. Bereits nach der Jahrtausendwende erklärten die EU-Staats- und Regierungschefs, die Sprachengrundlage der damals 380 Millionen Bürger verbessern zu wollen. Denn alle Europäer, so das erklärte Ziel, sollen sich bald von klein auf in drei Sprachen austauschen können. Sogar einen Kommissar für Mehrsprachigkeit gibt es bei der Europäischen Kommission, der seither die Vorteile der Sprachenvielfalt eifrig bewirbt. Denn noch beherrschen fast 50 Prozent der Bürger der Europäischen Union keine einzige Fremdsprache.  

„Weltweit werden noch über 7000 Sprachen gesprochen!“ berichtet Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International, „bei den Polyglotten-Treffen ist jedoch, wie überall auf der Welt, Englisch die Lingua Franca!“ Ist es realistisch, in drei Monaten eine Sprache fließend lernen zu können? „Das kann, bei entsprechendem Einsatz, durchaus gelingen!“ berichtet die Kommunikationsexpertin. Sie  fügt aber hinzu: „Viel wichtiger ist, dass von dem Treffen in Berlin die Ermutigung ausgeht, sich auch nach Schule und Studium weiter mit neuen Sprachen zu beschäftigen. Denn eine bessere Qualifizierung für interkulturelle Praxis gibt es nicht.   Etwas Zeit zur Beschäftigung bleibt noch. Das 3. Polyglott Gathering findet erst im April 2016 statt.         


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