„Ich bewundere Beethoven!“

Juni 2015

fix-nl-41-interview-coco-wang-0615-detail.jpgCoco Wang wurde 1998 in Tianjin/China geboren. Tianjin ist eine bedeutende Hafenstadt im Norden der Volksrepublik. Das Verwaltungsgebiet hat 12,3 Millionen Einwohner. Tianjin ist Industriezentrum und kultureller Mittelpunkt der Region mit bedeutenden Universitäten, Baudenkmälern, Hochschulen und Museen. Cocos Eltern arbeiten an einem der größten Theater der Stadt. Ihr Vater ist Regisseur und Autor, ihre Mutter ist eine erfolgreiche Schauspielerin. 2014 kam Coco aus China für ein Jahr nach Hamburg. Sie lebt in der Hansestadt in einer Gastfamilie und besucht zurzeit die 11. Klasse einer Stadtteilschule im Stadtteil Winterhude.
Coco, warum bist du nach Deutschland gekommen?  

Coco Wang: Meine Eltern arbeiten in Tianjin am Theater. Schon als Kind habe ich dort häufig Proben und Aufführungen sehen können und kam in Kontakt auch mit deutschen Theatertexten. Ich habe mal ein Stück von Hugo von Hofmannsthal gesehen, den „Jedermann“, eine Inszenierung des Hamburger Thalia-Theaters, auf einem Festival in Tianjin. Und „Fräulein Julie“ von August Strindberg.  Auch der Theaterautor Bertold Brecht wird in China häufig gespielt. Als ich sein Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ zum ersten Mal sah, dachte ich zunächst sogar, ein Chinese habe es geschrieben. Mich hat also früh interessiert, wie in Deutschland Theater gespielt wird. Weil Hamburg eine große deutsche Theaterstadt ist, wollte ich hierher kommen. Und natürlich möchte ich hier auch Deutsch lernen.  

Konntest du schon in China Deutsch sprechen?  

Coco Wang: Ein bisschen. Aber an meiner Schule in Tianjin gab es keinen Deutschunterricht. Deshalb habe ich einen Einführungsworkshop am Goethe-Institut gemacht. Das hat mir gut gefallen.  

Wie hast du dir
Deutschland vorgestellt, bevor du hierhin kamst?  

Coco Wang: Ich stellte mir vor, dass im Leben der Deutschen die Arbeit eine große Bedeutung hat. Die Menschen hier stellte ich mir sehr gründlich vor. Sie sagen nicht eins, zwei oder drei. Sondern von 1,1 oder 2,1 oder 3,1. Außerdem dachte ich, dass hier nur wenig gelacht wird.  

Ist es wirklich so ernst in Deutschland?
 

Coco Wang: Nein, zum Glück nicht! Es gibt hier auch viele fröhliche Menschen. 

Hattest du in China schon von deutschen Städten gehört?  

Coco Wang: Ja, ich hatte schon von Berlin gehört, der Hauptstadt. Und auch den Namen Hamburg kannte ich. Zuerst allerdings nur, weil die Hamburger, also diese Brötchen mit Hackfleisch, in China auch Hamburger heißen (lacht)! Und ich kannte Bremen, denn als Kind hatte ich das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten gelesen. Das gefiel mir gut!  

Ist deutsche Kultur in China bekannt?
 

Coco Wang: Ich denke schon. Sehr viele Chinesen kennen den Komponisten Beethoven, es gibt bei uns häufig Beethoven-Konzerte. Beethoven ist ein großes Vorbild für mich!  

Warum?
 

Coco Wang: Er hat früh sein Gehör verloren und trotzdem weiter Musik komponiert. Das finde ich beeindruckend. Wenn jemand nicht aufgibt, wenn es Schwierigkeiten gibt.  

Was ist dir aufgefallen, als du in Deutschland ankamst?    

Coco Wang: Ich bin mit dem Flugzeug in Frankfurt gelandet. Frankfurt ähnelt chinesischen Städten. Dort gibt es auch viele Hochhäuser. In Hamburg ist mir der alte Bahnhof aufgefallen. Den mag ich sehr! In China sehen die meisten Bahnhöfe aus wie der neue Hauptbahnhof in Berlin, also eher modern.   

Was magst du hier besonders? 


Coco Wang: Dass die Menschen nicht so ernst sind, wie ich gedacht habe. Vor allem liebe ich meine Gastfamilie und meine Gastschwester Luzie. Wir unternehmen sehr viel zusammen und reden miteinander. Zum Beispiel, wenn wir gemeinsam im Theater waren. Dann sprechen wir über das Stück. Das macht mir Spaß, so lerne ich Deutsch.  

Und wie gefällt es dir in der Schule?
 

Die Schule gefällt mir gut. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler sind nett. Es geht dort sehr frei zu und es gibt nicht einmal Hausaufgaben. Außerdem spielen Noten nicht so eine große Rolle wie in China, wo man gute Zensuren braucht, wenn man studieren möchte. Vielleicht lernt man in China zuviel und in Deutschland zu wenig?  

Wie schmeckt dir das Essen hier?
 

Coco Wang: (lacht) Ich habe am Anfang sehr viel Süßigkeiten und Kuchen gegessen. In China durfte ich das nicht. Ich habe den Eindruck, dass alle Deutschen Kuchen lieben!  

Was vermisst du?
 

Coco Wang: Die chinesische Sprache! Es ist viel einfacher für mich, meine Gedanken in Chinesisch auszudrücken. Darüber hinaus fehlen mir manchmal zeremonielle Elemente im Alltag. Für die Bewohner Tianjins haben traditionelle chinesische Feste eine große Bedeutung. Ich liebe den chinesischen Tee und die Art, wie wir in China Tee zubereiten und trinken. Zum Glück hat mir meine Mutter drei Pakete mit chinesischem Tee geschickt!  

Hast du in Hamburg noch weitere kulinarische Entdeckungen machen können?
 

Coco Wang:  Ja, ich habe hier viele leckere Käsesorten kennen gelernt, ich liebe Camembert! Käse ist in China nicht besonders verbreitet. In China wird eher Tofu gegessen, immer frisch zubereitet! Es gibt überall Tofugeschäfte.  

Was würdest du deinen deutschen Freundinnen und Freunden in China zeigen?

Coco Wang: Es gibt in Tianjin eine alte Kulturstraße. Sie zu entdecken lohnt sich, weil man viel über die traditionelle chinesische Kultur lernen kann. In Tianjin sind vor allem die Straßenzüge mit ihren alten Gebäuden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert interessant. Ihr Stil ist europäisch, sie stehen direkt neben den modernen Beton- und Glasbauten des wohlhabenden China von heute, das ist sehr typisch für chinesische Städte. Und auch das moderne Zentrum von Tianjin lohnt sich! Dort sind die Theater, Restaurants. Deutsche Touristen müssen das alte Tianjin und das neue Tianjin sehen, um China zu verstehen. Es gibt in Tianjin alleine neun Opernhäuser!  

Worauf freust du dich, wenn du bald zurück nach China fährst? 

Coco Wang: Auf meine Familie, meine Freunde und die chinesische Kultur. Und endlich kann ich dann auch wieder Musik machen! Mein Instrument heißt Guqin. Das ist ein chinesisches Saiteninstrument, eine Griffbrettzither mit einer mehr als tausendjährigen Tradition. Sie spielt in der klassischen chinesischen Musik eine große Rolle, es gibt sehr viele Noten, die auch schon sehr alt sind.  

Was wirst du vermissen?
 

Coco Wang: Meine Gastfamilie! Besonders mit Luzie habe ich in Hamburg eine wunderbare Zeit gehabt. Ich freue mich schon, wenn sie mich in China besuchen kommt.  

Wir sehen dich und Luzie auf dem Foto neben chinesischen Schriftzeichen. Wo ist das?  

Coco Wang: Das ist das Konfuzius-Institut der Universität Hamburg. Dort kann man chinesisch lernen.  

Und welche Art von Kleidern tragt ihr auf dem Bild?
 

Coco Wang: Ich trage einen Hanfu, auch chinesische Seidenrobe genannt. Der Hanfu war die traditionelle Kleidung der Han-Chinesen. Luzie sieht man mit einem Qipao. Das ist ein modernes Kleid, wie es die chinesischen Frauen heute tragen.   


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