Sprachverfall oder Sprachwandel? Denglisch und Deukisch?

Newsletter Juni 2013

rubrik-ueberetzungen.jpgWenn Laien die Entwicklung der Sprache diskutieren, ergeben sich typischerweise Sprachverfallsdiskurse, oft mit Klagen erfüllt. Egal, ob es dabei um Anglizismen, den Standard an Schulen oder die Orthographie geht: linguistische Laien sehen die Sprache meist als etwas Homogenes, das dauerhaften Normen folgt. Der Sprachwandel wird dabei tendenziell als Bedrohung erfasst. So gaben im Jahr 2008 in einer im Auftrag des Instituts für Deutsche Sprache und der Universität Mannheim durchgeführten Umfrage fast 30 Prozent der Befragten an, die derzeitige Entwicklung der deutschen Sprache sei ihrem Empfinden nach besorgniserregend oder sehr besorgniserregend. Noch höher war dieser Anteil in der Gruppe der über 60-Jährigen. Hier waren es fast 40 Prozent. So wird beispielsweise in der oft emotional geführten Sprachverfallsdebatte besonders die Apostrophsetzung vor dem Genitiv-s, vulgo „Deppen Apostroph“, kritisiert und als mutmaßliche Entlehnung aus dem Englischen gebrandmarkt. Die Vorstellung von einem Verfall der deutschen Sprache jedoch lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen, als Schulmeister sich beschwerten, ihre Schüler wüssten wegen der um sich greifenden Variation nicht mehr, was korrektes Deutsch sei.
Das Gegenwartsdeutsch ist höchst lebendig

Die Realität, die Sprachwissenschaftler beschreiben, zeigt, dass die Mehrzahl der Phänomene, die Anlass zu sprachkritischen Diskussionen geben, ganz gewöhnliche  Sprachwandelprozesse oder Variationen sind. Im Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim tauschten sich jetzt Experten über die Entwicklung der deutschen Sprache aus. Die leitende Frage war, ob die gegenwärtig ablaufenden Sprachwandelprozesse im historischen Vergleich außergewöhnlich, etwa hinsichtlich Umfang und Dynamik seien. Es ging auch um die Frage, wie diese Prozesse methodisch zu erfassen und zu beschreiben sind und welche Technologien dafür erforderlich sind.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Wissenschaftler sprachliche  Veränderungen faszinieren, während sie für die Normalbürger eher einen Verlust darstellen. Das Dickicht des Gegenwartsdeutschs, das finden zumindest die Sprachprofis, ist höchst lebendig und kraftvoll. Der deutsche Wortschatz von heute sei viel reicher als zu Zeiten eines Johann Wolfgang von Goethes. Zudem hoben sie hervor, dass trotzt des sprachlichen Reichtums die Grammatik immer einfacher werde.


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