Übersetzer: Ferne Brüder der Schriftsteller

Dezember 2015

d0fe50ccb6de5896d2195c95b60d1706.140x10000x0.jpgMit guten Übersetzungen und den Tücken des Übersetzerberufs kennt Michael Kleeberg sich aus. Der 1959 in Stuttgart geborene Autor hat eigene Romane, Erzählungen und Novellen veröffentlicht, aber auch veritable Klassiker aus dem Englischen (John Dos Passos) und dem Französischen (Marcel Proust) ins Deutsche übertragen. Kleeberg studierte Politische Wissenschaften und Geschichte in Hamburg und arbeitet nach Aufenthalten in Rom, Amsterdam und Paris heute als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er beschreibt, von allen menschlichen Beziehungen, die ein Schriftsteller unterhält – von denen zum Lebensgefährten abgesehen – sei dasjenige zu seinem Übersetzer als das intimste und vertrauensvollste. Selbst dann, wenn es niemals einen persönlichen Kontakt gab! Denn wer die Literatur durchdringe, erkenne den Menschen dahinter, lautet Kleebergs Credo.
Anlässlich eines internationalen Übersetzertages befasste er sich mit dem Verhältnis zwischen dem Autor und demjenigen, der dieses Werk durch die Übertragung in eine andere Sprache neu schreibt. Übersetzer literarischer Werke sind Kleebergs Überzeugung nach Idealisten, die alles daran setzen, eine Geschichte so genau und so gut wie möglich zu übertragen. Und dass, obwohl ihre Bezahlung, in aller Regel, zu wünschen übrig lässt, „dass beispielsweise Amazon an jedem verkauften Buch 20 mal so viel verdient wie der Übersetzer, der es uns zugänglich gemacht hat, ist ein Skandal!“ 

Keine Dolmetscher sondern Schriftsteller

Der Reichtum, den ein Übersetzer erreichen kann, bestehe deshalb auch nicht in Geld, sondern den wunderbaren und abenteuerlichen Begegnungen, der er mit und in seinen Texten machen kann. Kleeberg berichtet, dass sogar Freundschaften mit seinen Übersetzern entstanden seien, die oft auch als leidenschaftliche literarische Entdecker in ihren Ländern unterwegs seien und sogar kostenlose Probeübersetzungen anfertigten, um Autoren bekannt oder bekannter zu machen. Er nennt die Übersetzer die fernen Brüder der Schriftsteller, egal, ob das Zeitgenossen sind oder längst und seit Jahrhunderten begrabene Autoren. Als geradezu unerklärbares Phänomen beschreibt er die Erfahrung, dass Übersetzungen schneller altern als die Originale in der Ursprungssprache. Übersetzer resümiert er folgerichtig, seien sind keine Dolmetscher sondern Schriftsteller, „wenn wir mit einem ausländischen Text lachen, weinen oder ihn genießen, dann hat der Übersetzer daran ebenso viel Anteil wie der ursprüngliche Autor!“

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