„Wach sein ist etwas sehr schönes!“

Dezember 2015

fix-nl-44-interview-marino-degano-201215.jpgMarino Degano ist ein erfolgreicher Zeichner und Illustrator mit Wohnsitzen in Hamburg und Straßburg. Als Sohn italienischer Eltern wurde er 1960 in Udine, Italien geboren. Als er zwei Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern nach Baden-Baden. Dort besuchte er die französische Schule, zusammen mit den Kindern der in Stadt lebenden französischen Offiziere. Marino Degano ist u.a. ein erfolgreicher Zeichner von Kinderbüchern, Presseillustrationen und Puzzles, die weltweit vertrieben werden. Kürzlich führte ihn eine Reise nach Taiwan. Dort leben viele Fans der farbenfrohen Puzzles des Cartoon-Künstlers.
Herr Degano, Sie wurden in Italien geboren und gingen als Kind auf eine französische Schule in Deutschland. Wie erklärt sich diese ungewöhnliche Biografie?  

Ich wurde 1960 in Udine, im Friaul, geboren, im Nordosten Italiens. In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts war Friaul eine ziemlich arme Gegend, wie eigentlich ganz Italien. Es fehlte an Arbeitsplätzen, viele Menschen waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Manche kehrten als saisonale Wanderarbeiter regelmäßig zurück, andere wanderten für immer aus. Bevorzugte europäische Ziele waren die Schweiz, Frankreich, Luxemburg oder Belgien. Außereuropäische Länder waren Kanada, die USA oder Australien. Meine Eltern gingen nach Baden-Baden, ins reiche Deutschland, als ich zwei Jahre alt war.  

Was haben Ihre Eltern dort gemacht?
 

Mein Vater arbeitete in einer Fabrik. Meine Mutter putzte und sorgte in den Wohnungen von Offizieren der französischen Armee für Ordnung, die damals dort stationiert waren. Deswegen hatten wir eine kleine Wohnung dort. Ich habe zunächst den Dialekt aus Friaul gesprochen, genau wie meine Eltern. Furlanisch ist eine romanische Sprache. Meine Eltern fühlten sich ihr Leben lang als Italiener, als Friauler. Zwar ist der Bezug zur Region nicht so stark wie bei den Katalanen, Friauler sind eher wie die Elsässer. Sie sind zurückhaltender als die Klischee-Italiener, eher kann man sie mit den Norddeutschen vergleichen, aber noch nicht so zurückhaltend wie die Menschen in Norddeutschland.  

Hatten Sie Sprachprobleme als Kind, in einer unbekannten Umgebung?  

Überhaupt nicht! Ich hatte als Kind keine Probleme, schnell deutsch und französisch zu lernen. Das war ein großer Vorteil, dass ich noch so klein war.

Wie ist Ihnen diese Zeit in Erinnerung?
 

Meiner Erinnerung nach war es war eine kleine Stadt in der Stadt, ein quartier francais, eine Siedlung der französischen Streitkräfte auf deutschem Boden. Ich ging mit den Kindern der Soldaten zur Schule. Vorher hatte ich schon den französischen Kindergarten besucht. Die Soldaten waren meist nur zwei, drei Jahre in Deutschland stationiert und zogen dann wieder weg. Deshalb sprachen sie kein deutsch und hatten auch keine Beziehung zur deutschen Bevölkerung. Ich war der einzige Junge, der Kontakte zu deutschen Jugendlichen gesucht hat. Ich habe mit ihnen Fußball gespielt. Fußball war hier schon damals ein größeres Thema als in Frankreich.  

Sie unterschieden sich von Ihren Mitschülern!    

Ich habe früh gespürt, dass ich anders war als die Anderen. Ich war in gewisser Weise ein Außenseiter. Aber es war nicht schmerzhaft. Ich wurde immer respektiert.  

Welcher Mannschaft haben Sie bei internationalen Meisterschaften die Daumen gedrückt?  

Natürlich den Italienern! Merkwürdigerweise habe ich mich immer gefreut, wenn die Franzosen verloren haben. So konnte ich meine Schulkameraden ärgern!  

Wer an Italien denkt, dem fällt zunächst Rom ein oder die Toskana, selten Friaul.


Das stimmt, aber es gibt eine interessante friaulische Kultur, die sogar im Ausland gepflegt wird. Um sich etwas von ihrer Heimatkultur zu bewahren, gibt es weltweit Gemeinschaften von friaulischen Auswanderern, die „Fogolâr furlan“. Es gibt sie in Hongkong genauso wie in New York.  

Welche Kultur hat Sie maßgeblich beeinflusst?
 

Ich war Italiener, lebte in Deutschland, ging aber auf eine französische Schule, sprach Französisch. Es war die französische Kultur, die mich geprägt hat. Ich kannte mich besser mit König Ludwig XIV. aus als mit Karl V. oder Garibaldi. Mir war aber auch immer klar, dass meine Vorfahren die Römer waren und nicht die Gallier (lacht).    

Wie hat sie das französische Bildungssystem geprägt?
 

Es war es für mich vorteilhaft, dass ich in Baden-Baden mit den ehrgeizigen, bildungsorientierten Kindern der Offiziere aufwuchs. Für sie ist ein Studium ein selbstverständliches Element im Leben. Für meine Freunde war es – im Unterschied zu meiner Familie – normal, zur Universität zu gehen. Daran habe ich mich orientiert.  

Also wussten auch Sie früh, dass Sie studieren würden?  

Ja! Zwar hätten meine Eltern es gerne gesehen, wenn ich etwas studiert hätte, was finanzielle Sicherheit geboten hätte, etwa ein Studium der Zahnmedizin.  

Doch es kam anders!
 

Zahnarzt wäre nichts für mich gewesen! Doch meine Eltern vertrauten mir und meinen Fähigkeiten. So ging ich nach dem Abitur 1979 ins nahe Frankreich und studierte an der École des Arts Decoratifs in Straßburg, wo ich bei hervorragenden Lehrern Kurse in Illustration, Kinderbuchgestaltung und Kommunikationsdesign belegte. Nach meinem Diplom begann schnell das Berufsleben. 1984 startete ich, die humoristische Zeichnung war damals mein Spezialgebiet.  

Heute leben Sie in Straßburg und Hamburg. Wo ist Ihre Heimat?   
 

Eigentlich habe ich keine Heimat, aber das finde ich nicht schlimm. Ich bin vom Herzen her wohl immer noch Italiener.    

Welche Sprache sprechen Sie am liebsten?
 

Alle! Es ist ein großes Glück, dass ich mich in mehreren Ländern in der Landessprache mit den Menschen unterhalten kann. Ich konnte schon in Baden-Baden als Kind, im Unterschied zu meinen Klassenkameraden, das  Stadtviertel wechseln und schnell vom Französischen ins Deutsche umschalten.  

Die von Ihnen gezeichneten Puzzles sind fast in der ganzen Welt erhältlich. Auch in Taiwan haben Sie eine große Fangemeinde. Warum?  
 

In Taiwan gibt es eine lange Puzzletradition, gerade bei Jugendlichen. Es gibt regelrechte Puzzle-Meisterschaften dort, in riesigen Hallen. Ich zeichne Bilder, die man ohne Sprache verstehen kann. Das war für mich immer eine große Chance, durch meine Biografie bin ich jemand, der zwischen drei Kulturen steht. Vielleicht ist deshalb nonverbale Kommunikation eine meiner Stärken.    

Warum haben Asterix und Obelix weltweit Erfolg?
 

Das ist mir auch nicht ganz klar! Die Geschichten enthalten im Original viele Elemente, die mit der französischen Kultur zusammenhängen. Auch viele Wortspiele sind nicht übersetzbar, genauso wenig wie die Namen der Figuren. Aber möglicherweise hängt der weltweite Erfolg damit zusammen, dass die Figuren so sympathisch sind. Identität ist ja heute ein großes Thema, in den Geschichten verteidigt ein kleines gallisches Dorf mit viel Witz seine kulturelle Identität gegen die Übermacht der römischen Invasoren    

Was machten Sie aktuell?
 

Ich arbeite an einem Puzzle und an einen Kalender, der den Titel „Mein Schuh, mein Kleid!“ haben wird.    

Wie kann man sich den Alltag eines Illustrators vorstellen? Was inspiriert Sie?
 

Das sieht von außen betrachtet wahrscheinlich wenig aufregend aus. Die meiste Zeit verbringe ich am Schreibtisch. Die Inspiration erhalte ich in meinem Alltag, eigentlich bin ich immer auf Empfang, lasse mich inspirieren und setze dann meine Ideen um. Das ganze Leben ist inspirierend. Allerdings muss man wach sein. Wach sein ist etwas sehr schönes!                     


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