Interkulturelle Sensibilität in Krankenhäusern

Dezember 2015

download.jpgMissverständnisse sollen im Klinikalltag verringert werden, Fehldiagnosen und Mehrfachuntersuchungen vermieden. Damit Gesundheitsleistungen optimiert und die Behandlungszufriedenheit der Patienten verbessert werden, ist eine stärkere interkulturelle Öff¬nung der Krankenhäuser notwendig.
Patienten in deutschen Kranken- und Pflegeeinrichtungen kommen aus weit über 100 Ländern, rund 15 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund leben mittlerweile zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Der Anteil der Patienten und Bewohner, die aus anderen Kulturkreisen kommen, wird weiter stark zunehmen. Ein Grund ist die Alterstruktur; viele Migranten kamen ab Mitte der 50er bis Anfang der 70er Jahre nach Deutschland. Zunächst sollten sie vorübergehend den deutschen Arbeitsmarkt entlasten. Schließlich jedoch wurden aus den Gastarbeitern dauerhaft hier lebende Menschen. Auch der anhaltende Zuzug von Flüchtlingen wird den Anteil weiter erhöhen. Fachleute fordern deshalb, dass im Gesundheitswesen interkulturelle Kompetenz als Ausbildungsziel verstärkt in internen Fortbildungen und dem Curriculum berücksichtigt werden muss. Über den tatsächlichen Grad der Kultursensibilität im Alltag der Krankenhäuser gibt es bislang kaum gesichertes Wissen. Begrenzt Auskunft geben punktuelle Erhebungen, etwa eine Befragung von Allgemeinkrankenhäusern ab 50 Betten in Nordrhein-Westfalen, die das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) durchgeführt hat. Demnach ist das Thema Kultursensibilität zwar Bestandteil des Curriculums. Die gezielte Fort- und Weiterbildung zu interkulturellen Themen offerieren aber nur ein Viertel der Krankenhausbetriebe. Meist stehen dann Fragen zum Umgang mit Tod und Sterben im Mittelpunkt. Doch auch Kultur- und sprachbedingte Barrieren können die gesundheitliche Versorgung im Krankenhaus erheblich stören. Das wichtigste Ziel der kultursensiblen Pflege besteht darin, die Menschen anderer Kultur in Pflegesituationen zu verstehen und dieses Verständnis in Pflegehandlungen wirksam werden zu lassen. Dabei treffen bei der Pflege von Migranten nicht nur verschiedene Kulturen aufeinander. Es geht auch um die Bilder, die wir von der eigenen, aber auch von der fremden Kultur haben.     

Steigender Bedarf an Dolmetschdiensten  

Die interkulturelle Öffnung betrifft das gesamte Krankenhaus als Organisation, von der Geschäftsführung in Verwaltung, Pflege und dem ärztlichem Dienst bis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die auf den Stationen Dienst tun und im ständigen Austausch mit den Patienten verschiedener Herkunft sind. Auch sprachliche Herausforderungen werden bei der Krankenhausbehandlung eine immer größere Rolle spielen. Das Spektrum notwendiger Übersetzungen medizinischer Leistungen in Kliniken reicht momentan von Spontanlösungen über interne Dolmetscherlisten und Mitarbeiterschulungen bis hin zur Inanspruchnahme bezahlter professioneller Dolmetschleistungen. Das Forschungsprojekts „Dolmetschen im Krankenhaus" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) kam zu dem Ergebnis, dass die Dolmetschleistungen von Angehörigen und medizinischem Personal sehr unterschiedlich und bisweilen mangelhaft sind.  

Eine Mehrheit der befragten Krankenhausleiter sieht den größten Verbesserungsbedarf folglich in der Versorgung von Patientinnen und Patienten hinsichtlich Sprache und Kommunikation. Hier müssen oft mehrsprachige Klinikmitarbeiter einspringen, selbst Reinigungskräfte und Köche müssen im Bedarfsfall ihre Arbeit unterbrechen und das ärztliche Klinikpersonal unterstützen. Im stressigen Klinikalltag ersetzen die Laien-Dolmetscher nur notdürftig die Profis. Denn Zweisprachigkeit allein ist keine ausreichende Qualifikation. Auch die Überset­zung durch Freunde oder Angehörige der Patienten sind keine optimale Lösung. Nur selten kommen ausgebildete professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher zum Ein­satz, fast 50 Prozent der Befragten machten finanzielle Gründe geltend. Dabei betrifft dies vielfach Gespräche mit Konsequenzen, wenn etwa eine Krankheitsvorgeschichte die Basis einer Diagnose ist. „Können Patienten der Tragweite einer Diagnose nicht folgen, ignorieren sie möglicherweise die Therapieempfehlungen oder sind vor einer Operation nur unzureichend aufgeklärt“, berichtet Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. Ergänzend erklärt sie: „Das hat nicht selten auch juristische Konsequenzen!“ Überdies gilt es zu bedenken dass im deutschen Pflegeraum das Denken auf naturwissenschaftlich orientierten Modellen basiert. Diese zweifellos professionelle Perspektive bezieht jedoch nur selten soziokulturelle Krankheitsaspekte anderer Kulturkreise mit ein.  

Seit 1995 hausinterner Dolmetscherdienst  

Als Vorbild kann das Städtische Klinikum München dienen, monatlich werden dort weit über 1000 Patienten nicht deutscher Nationalität behandelt. Bereits seit 1995 gehört ein hausinterner Dolmetscherdienst zum Fachreferat Interkulturelle Versorgung. Speziell geschulte mehrsprachige Mitarbeiter, die über eine  medizinisch-pflegerische Grundausbildung verfügen, stehen den Patienten und deren Angehörige mit Dolmetscherleistungen in 32 Sprachen an. Dabei ist es kein Geheimnis, dass es innerhalb von Krankenhäusern auch zu Spannungen kommen kann, wenn andere Werte, Rituale, Normen und soziale Strukturen auf engem Raum aufeinandertreffen. Wenn die Leitungen der Gesundheitsdienste ihre Institution interkulturell öffnen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interkulturell kompetent aus-, fort- und weiterbilden und die interkulturelle Ausrichtung dauerhaft, konkret und messbar verankern, dann wird dies nicht nur zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgung von Migrantinnen und Migranten führen, sondern auch zu einer generellen Verbesserung der Qualität hinsichtlich der Patientenorientierung aller Patientinnen und Patienten.   


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