„Selbst sprechen ist die größere Hürde!“

Newsletter Dezember

fix-nl-38-yulia-rudi-1214.jpgYulia Rudi wurde 1978 in der russischen Stadt Omsk in Sibirien geboren. Omsk ist mit 1,2 Millionen Einwohnern heute die siebtgrößte Stadt Russlands. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Omsk zu einer geschlossenen Stadt innerhalb der Sowjetunion. Ausländer hatten bis zu den Zeiten von Glasnost und Perestroika keinen Zutritt, um Spionageangriffe in der Omsker Militär- und Raumfahrtindustrie zu verhindern. Yulia Rudi zog 1997 im Alter von 19 Jahren von Omsk nach Hamburg und sprach damals kein Wort Deutsch. Heute spricht sie akzentfrei, schätzt aber weiterhin auch die Literatur und Kultur ihrer Heimat. Sie studiert Illustration an der HAW auf dem Kunst- und Mediencampus Hamburg an der Fakultät Design, Medien und Information und arbeitet als Fotografin, Projektkoordinatorin und Modeberaterin. Außerdem unterstützt sie im Rahmen der Aktion „Dialog in Deutsch“ Menschen mit Migrationshintergrund beim Spracherwerb.
Yulia Rudi, als Sie ihre Heimat mit 19 Jahren verließen, war Deutsch eine für Sie unbekannte Sprache. Heute sprechen Sie akzentfrei. Die Wissenschaft streitet sich, bis zu welchem Zeitpunkt das perfekte Erlernen einer neuen Sprache noch möglich ist. Welches war ihr Weg?  

Yulia Rudi:  Ich wollte so schnell wie möglich deutsch lernen! Zunächst bin ich der Liebe wegen gekommen. Und obwohl ich, aufgrund meines Status, zunächst kein Anrecht auf einen Sprachkurs hatte, bin ich schnell in die Sprache reingekommen. Ich war neugierig, und ich wollte mich mit den Menschen unterhalten. Deswegen habe ich – bei Gelegenheit – von früh bis spät ferngesehen, von den Nachrichten über Serien bis zu Dokumentarfilmen. Außerdem habe ich früh begonnen, deutsche Texte zu lesen. Auch wenn das sehr viel anstrengender als Sprechen war. Zunächst kamen Zeitungen und Zeitschriften in Frage. Bücher kamen erst später dazu. Bereits nach zwei Jahren konnte ich das meiste verstehen. Allerdings besteht die viel größere Hürde darin, selbst zu sprechen, das kostet schon einige Überwindung! Doch nach anderthalb Jahren habe ich mir einen Job in einem Restaurant gesucht. Und da war ich unter Leuten und musste mich – wohl oder übel – mit den Menschen verständigen! Dann ging es richtig schnell. Ich kann gar nicht sagen, zu welchem Zeitpunkt ich nicht mehr darüber nachdenken musste, ob ich alles verstanden habe…

Welche Lehrangebote sollte es zum Spracherwerb für erwachsene Migranten geben?

Yulia Rudi:  Menschen lernen unterschiedlich. Ich glaube, das wichtigste ist es, eine Sprache auch zu benutzen. So erst sind die größten Fortschritte möglich. Ich hatte nie Lust, systematisch Vokabeln zu lernen. Aber ich bin überzeugt, dass die halbjährigen Integrationssprachkurse für Erwachsene in Deutschland, die jetzt angeboten werden, gute Voraussetzungen bieten, die Grundlagen der deutschen Sprache zu lernen. Wer dann seine Kenntnisse im Job oder im Alltag regelmäßig einsetzt, wird schnell große Sprünge machen.

Gibt es Eigenheiten in der deutschen Sprache, die Ihnen trotz ihrer herausragenden Kenntnisse noch Schwierigkeiten bereiten?  

Yulia Rudi: Das sind eigentlich nur noch Wörter, die man im Alltag nicht braucht und die ich folglich nicht beherrsche, zum Beispiel Begriffe aus der Wissenschaft. Das ist jetzt im russischen aber auch so. So kenne ich die neuesten Ausdrücke aus den Bereichen des Internet nicht. Irgendwann werde ich deshalb ein Sprachmuseum sein!

Heute unterstützen Sie als Kursleiterin Menschen mit Migrationshintergrund im Rahmen der Aktion „Dialog in Deutsch“ beim Spracherwerb. Auch dort treffen sich vor allem Erwachsene. Welches sind die größten Hürden für Menschen, die in Deutschland ankommen?

Yulia Rudi: Meiner Einschätzung nach war es zu der Zeit, als ich nach Deutschland gekommen bin, einfacher, die Sprache zu lernen. Das hat natürlich auch mentale Gründe. Niemand wird sich sprachlich erproben wollen, wenn er fürchten muss, aufgrund seiner ausländischen Herkunft auf Ablehnung zu stoßen.
 
Wie würden Sie Verwandten und Freunden in Omsk die Mentalität der Bürger in Hamburg erklären?

Yulia Rudi: Das ist häufig eine Momentaufnahme, die damit zu tun hat, auf wen man gerade trifft! Natürlich gibt es die bekannte hanseatische Mentalität. Viele Menschen hier sind zunächst eher zurückhaltend oder wirken sogar reserviert. Aus eigenem Erleben weiß ich jedoch, dass man nur offen bleiben muss, um dann auch offenen Menschen zu begegnen. Das schöne deutschen Sprichwort lautet bekanntlich: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück!“ Deshalb ist es erforderlich, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Nur so lassen sich Vorurteile ausräumen.

Sie beraten deutsche und russische, arabische und asiatische Kunden und Kundinnen im Bereich hochwertiger- Luxusprodukte. Gibt es Unterschiede, was den Geschmack betrifft?  

Yulia Rudi: Definitiv! Die meisten Unterschiede haben kulturelle Wurzeln. Viele Russen beispielsweise bevorzugen eher glamourös erscheinende Accessoires, Taschen beispielsweise. Asiaten hingegen wollen immer die neuesten und verspieltesten Produkte. Die Deutschen sind eher praktisch veranlagt. Und bei arabischen Kunden spielt Geld keine Rolle.  
 
Was können „die Deutschen“ von „den Russen“ lernen?

Yulia Rudi: Die Deutschen können durchaus noch etwas lockerer und herzlicher werden!



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