Keine Angst vor Fehlern beim Spracherwerb!

Newsletter Dezember

istock-000024215660medium.jpgWer einen Job im Ausland antreten will und die Landessprache nicht beherrscht, wird während der Vorbereitungsphase neidvoll die Kinder beobachten. Denn die erlernen neue Sprachen scheinbar spielerisch und mit größter Leichtigkeit. Doch Wissenschaftler ermutigen auch Menschen fernab des Kindergartenalters, eine neue Sprache zu lernen.
Einer der spannendsten Gegenstände der Spracherwerbsforschung ist noch immer der Einfluss des Alters auf das menschliche Spracherwerbsvermögen, die Critical Period Hypothesis. Doch längst haben Wissenschafter auf diesem Gebiet gute Nachrichten. Auch mit 30, 40 oder 50 Jahren können Menschen beeindruckende Fortschritte beim Fremdsprachenerwerb machen. Die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Spracherwerb und Alter gehört zur Disziplin der internationalen Spracherwerbsforschung, der Sprachlehr- und -lernforschung sowie der Neurowissenschaften. Allerdings gilt: Lernwillige, die sich auf den Weg machen, müssen ehrlich zu sich sein: Bin ich motiviert, Vokabeln zu büffeln? Habe ich genug Zeit für das Abenteuer? Wer diese Fragen mit „Ja“ beantwortet, bringt gute Voraussetzungen mit. Später wird er mit dem spanischen Kollegen in Barcelona erfolgreich Vertriebsziele festlegen zu können. Oder mit chinesischen Partnern die Basis eines Joint Ventures zu diskutieren. Zwar wird niemals mehr ein „Spätlerner“ zum Native Speaker – da bremst die Forschung den Enthusiasmus. Aber durch gute Fremdsprachenkenntnisse bauen kluge Manager in der Ferne immerhin Brücken, die oft tragfähiger sind als manch ausgeklügeltes Vertragswerk.    

Entscheidend kann auch sein, wie viele Sprachen jemand in seinem Leben schon erlernt hat. Doch ist der Mensch grundsätzlich zum erfolgreichen Lernen prädestiniert. Bereits vor der Geburt entstehen im Gehirn durch neue Eindrücke entsprechende Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Und Kinder machen täglich schnelle Fortschritte auf allen Gebieten. Doch wie beweglich ist das Gehirn eines Erwachsenen? Hirnforscher erklären unisono, dass auch das Gehirn eines Erwachsenen noch formbar sei. Und entgegen früherer Überzeugungen gilt als sicher, dass sich auch bei Erwachsenen ständig neue Nervenzellen im Hirn bilden. Allerdings sind sich Lernforscher einig, dass späte Sprachlerner die Souveränität eines Muttersprachlers kaum mehr erreichen können. „Auch bei besten Voraussetzungen verrät ein leichter Akzent die Novizen!“ erklärt Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. Doch ab wann ist es zu spät, noch das Niveau eines Muttersprachlers erklimmen zu können? „Da streiten die Gelehrten“, ergänzt Bettina Kertscher, „bereits Kinder verlernen das Verfahren, die Aussprache virtuos zu imitieren – und also ohne Akzent zu parlieren. Als kritische Zeitmarke gilt das sechste Lebensjahr.“ Die oft unlogischen Regeln einer Grammatik gehen bei Menschen noch bis zur Pubertät in Fleisch und Blut über. Die Merkfähigkeit bleibt am längsten erhalten, weswegen in der Regel Manager, die wieder die Schulbank drücken, keine Probleme beim Büffeln von Vokabeln haben. Welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn die sensible Phase fürs Sprachenlernen zu Ende geht, ist noch wissenschaftliches Neuland. Doch sicher ist, dass während der Pubertät das Hirn Wandlungen erlebt, auch beim Gedächtnis.  

Erwachsene haben Beruf, Kinder und Verantwortung im Kopf  

Allerdings gibt es auch Forscher, die die Tatsache bestreiten, dass es in späten Lebensphasen überhaupt hirn-biologische Hinderungsgründe für das sichere Neuerlernen von Sprachen gibt. Sie machen vor allem das geänderte Lernverhalten für vermehrte Aussprache- und Grammatikfehler verantwortlich. Häufig fehlt Erwachsenen vor allem Zeit und Motivation beim Neuspracherwerb. Sie haben, im wahrsten Sinne des Worts, ihre Köpfe schon voll, mit Beruf, Kindern und großer Verantwortung. Lernen Erwachsene jedoch rund um die Uhr und werden sie von Ablenkungen ferngehalten, sind große Fortschritte schon in wenigen Wochen möglich. Allerdings: Einen Königsweg zum mühelosen Lernen hat noch niemand gefunden, auch wenn seit fast 100 Jahren danach gesucht wird. Sicher ist: der Dialog hilft, das Tandemverfahren verspricht gute Erfolge. Durch gemeinschaftliches Vor- und Nachsprechen ist schließlich die menschliche Sprache entstanden. Unsere Vorfahren kommunizierten erst mit Gesten. Später kamen artikulierte Laute hinzu, ein Hin- und her von Sprache und Aktion. Auf diese Weise lernen Kleinkinder Sprechen. Aber Erwachsene? Den großen Unterschied macht das Bewusstsein. Kinder lernen, ohne es zu bemerken, Erwachsene können das kaum noch, sie brauchen Erklärungen.  

Lernen ohne Anstrengung bleibt Illusion

Dabei bleibt das Lernen ohne Anstrengung eine Illusion. Denn Vokabeln müssen gebimst werden und die Grammatik muss sich einprägen. Ohne das Auswendig lernen „Old School“ läuft erfahrungsgemäß wenig. Doch die Begabung für das Sprachenlernen, so erklären Forscher, wurde lange überschätzt. Was allerdings durchschlägt, sei eine Neigung zum Sprachlernen, die auch die Motivation beeinflusst, für das Erlernen einer Sprache eine unbedingte Voraussetzung. Kleinkindern, die die Muttersprache erlernen, brauchen dafür noch keine Anreize – wollen sie doch von Geburt an kommunizieren. Fehlt jedoch in späteren Lebensjahrzehnten Ziel und Motivation, führen auch der größte Fleiß und die üppigste Zeitausstattung nur zu mageren Resultaten. Denn von der Motivation hängt auch ab, ob Grammatikregeln und Vokabeln vom Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis wandern. Das Gehirn speichert nur, was es für bedeutsam hält. Wird der gelernte Stoff angewendet, lernt man effektiver. Das wird jeder bestätigen, der mal einen Sprachkurs im Ausland gemacht hat. Doch auch in der Heimat lernt effektiv, ob in der Sprachschule, mit Selbstlernprogramm oder über das Internet, wer ein paar Regeln beherzigt. Man sollte sich Möglichkeiten zum Probieren schaffen, etwa durch die Lektüre fremdsprachige Bücher oder dem Gang in Kinos, die Filme in den Originalsprachen zeigen. Für die Erinnerung ist wichtig, dass die Inhalte an unterschiedlichen Orten im Gehirn einen Ankerplatz finden. Die Lektionen sollten deshalb an schon Bekanntes anknüpfen. Neue Informationen finden auf diesem Weg Eingang in bestehende Netzwerke, das prozedurale Wissen wird dauerhafter gespeichert. Vor allem Abläufe von Handlungen sind hierfür gut geeignet. Nicht alles Fragen zum späten Spracherwerb sind wissenschaftlich endgültig beantwortet. Die interdisziplinäre Forschung und der Austausch der beteiligten Disziplinen bleibt notwendig. Sicher scheint jedoch, dass größten Sprünge macht, wer sich mit einem Native Speaker austauscht. Als beste Lerntechnik gilt dabei eine frische Liebesgeschichte mit einem fremdsprachigen Partner… 


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