„Mein großer Traum war, eine zweite Sprache richtig zu lernen!“

August 2015

fix-nl-42-interview-tita-do-rego-silva-140815.jpgTita do Rêgo Silva ist eine der bekanntesten bildenden Künstlerinnen Hamburgs. Durch ihre Holzschneidearbeiten wurde die in Brasilien geborene Künstlerin weit über die Stadtgrenzen hinaus erfolgreich. Ihre Motive sind häufig farbige Fabelwesen, Mixturen aus Mensch und Tier. Sie stammt aus Caxias im Nordosten von Brasilien und kam 1988 nach Deutschland. Ihren Traum, von der Kunst leben zu können, hat sich Tita do Rêgo Silva längst erfüllt, große Aufmerksamkeit erreichte zuletzt das Gemeinschaftswerk „Kindheit“, dass sie zusammen mit der Autorin Peggy Parnass erarbeitet hat.
Tita do Rêgo Silva, Sie arbeiten als erfolgreiche Künstlerin in Hamburg. Wie kommt eine gebürtige Brasilianerin in den kalten deutschen Norden?  

Tita do Rêgo Silva: Eigentlich wollte ich 1988 nur für ein Jahr nach Deutschland kommen. Ich wollte hier deutsch lernen und dann noch für ein Jahr nach Italien gehen, um italienisch zu lernen. Ich war damals mit meinem Kunststudium in Brasilia fast fertig, wo ich 15 Jahre gelebt hatte. Ursprünglich komme ich aus Caxias im Nordosten Brasiliens, einem Ort mit knapp 150.000 Einwohnern. Aber mit 14 Jahren bin ich zu meinen Geschwistern nach Brasilia gezogen, der brasilianischen Hauptstadt mit fast 3 Millionen Einwohnern. Von da ging es nach Hamburg. Hier habe ich einen Mann kennengelernt. Seitdem bin ich in Hamburg, 1993 wurde mein Sohn Luis geboren und ich habe hier Wurzeln geschlagen. Ich bin bildende Künstlerin und mache Holzschnitte. Ich habe seit 1996 mein Atelier in der Koppel 66, einem Haus für Kunst und Handwerk in St. Georg, einem Hamburger Stadtteil, in dem Menschen aus vielen Nationen zusammen leben.

Wann haben Sie sich entschieden, in Deutschland zu bleiben?  

Von Anfang an hat es hier mit meiner Kunst gut funktioniert, ich habe schöne Ausstellungen gemacht. In dieser Situation war es schwierig, zurück nach Brasilien zurück zu gehen. Ich hatte das überlegt. Aber ich hätte vieles wieder aufgeben müssen. was wir uns schon aufgebaut hatten. Es war in Brasilien mein Traum gewesen, in einem Land zu leben, wo ich, neben Portugiesisch, noch eine zweite Sprache richtig lerne. Übrigens sprechen 1,5 Mio. Brasilianer  Deutsch als Muttersprache und in drei Bundesstaaten gibt es Gemeinden, in denen Deutsch als zweite Amtssprache gesprochen wird.  

Was wussten Sie in Brasilien von Deutschland?
 

Bevor ich auf die Reise ging, hatte ich in Brasilien neun Jahre für eine Fluggesellschaft gearbeitet. Deshalb hatte ich gute Kontakte nach Hamburg, ich konnte günstig fliegen und hatte bereits Freunde hier. In Hamburg erwartete mich eine ganz geregelte Situation. Ich hatte ein einjähriges Stipendium des Goethe-Instituts, war Gaststudentin an der Fachhochschule für Gestaltung und konnte bei Freunden wohnen. Ich bin geblieben – und ich bin sehr glücklich hier in Hamburg.  

Wo sehen Sie Ihre Heimat?
 

Meine Heimat ist gedrittelt! Sie liegt in Caxias, in Brasilia und in Hamburg. Hamburg vor allem, weil hier ein weiterer Traum war wurde, irgendwann von meiner Kunst leben zu können. Heute lebe ich von meiner Kunst. Ich fand die Hierarchie bei der Fluglinie in Brasilien schrecklich. Selbstständigkeit war immer mein Traum. Alles was ich heute mache, hat mit Kunst zu tun, ich habe mich in Deutschland professionalisiert.  

Wie leben Künstlerinnen und Künstler in Brasilien?  

In Deutschland geht es in der Kunst ziemlich ernst zu, in Brasilien war alles Spaß. In Brasilien hatten wir nie die Idee, für die Kunst Geld zu nehmen, vielleicht auch, weil niemand Geld dafür gegeben hätte. Allerdings ändert sich das dort gerade – zum Glück für viele Künstler.  

Wie gefällt Ihnen Hamburg?
 

Der Hamburger Stadtteil St. Georg ist ein guter Ort für Künstler, jeder hat hier seine Chance. Ich wohne seit 23 Jahren auf der Langen Reihe. Es gibt Amateure und Profis, aber es ist gut, dass es für alle ein Forum gibt. Mein Sohn Luis ist hier in den Kindergarten vom CVJM, dann zur Grundschule St. Marien und dann zum Gymnasium Klosterschule.  Wir sind hier wirklich verwurzelt. Allerdings befindet sich der Stadtteil durch die Gentrifizierung im Wandel. Das ist sehr schade. Denn die Folgen sind absehbar. Bald sehen alle großen Städte der Welt gleich aus. Überall wird es die gleichen Geschäfte geben!  

Welche Träume haben Sie noch?
 

Viele Enkelkinder zu bekommen. Das ist auch ein Traum von mir, Oma zu werden! Das ist wohl der Traum jeder Mutter. Ich wünsche mir drei Enkelkinder – ich werde eine Superoma sein!  

Denken Sie manchmal daran, wieder in Brasilien zu leben? 
 

Ich habe in Deutschland Wurzeln geschlagen. In Brasilien ist der Umgang der Menschen miteinander oft herzlicher. Manchmal bin ich hin- und hergerissen…  

Wo sehen Sie noch Unterschiede?  

Brasilianer und Deutsche haben meist ein unterschiedliches Zeitverständnis, manches ist dort entspannter. In Deutschland planen die Menschen meist langfristig. In Brasilien  steht die Spontaneität im Vordergrund. Brasilianer gelten als Meister  der Improvisation. Deutsche sind die Meister der Perfektion. Vielleicht möchte ich in Brasilien alt werden. Dort habe ich eine Riesenfamilie. Und noch ein weiterer großer Unterschied: Es gibt dort viel mehr Sonne und wunderbare Strände. Eigentlich eine wunderbare Perspektive, oder?   

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