Gemeinsame Mahlzeiten schaffen Brücken!

August 2015

8357a77b87918c242693cf87704aed4c-140x10000x0.jpgEssen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Doch Essen in Gemeinschaft ist mehr als Ernährung. Staatsbesuche werden erst durch das Bankett zum Ereignis, bedeutsame weltliche und kirchliche Feiern verzichten selten auf Festmahle. Und gerade, wenn es ums internationale Business geht, ereignet sich beim gemeinsamen Dinner mehr, als deutsche Manager lange geglaubt haben und Speisekarten verraten können.
Niemand wird auf der Welt einen Mangel an Kochbüchern beklagen. Doch erst allmählich entsteht bei Kulturwissenschaftlern ein Bewusstsein dafür, welche Bedeutung ein gemeinsames Mahl für Menschen hat. Klar, ein Essen dient der Nahrungs- und Getränkeaufnahme, manchem Manager fehlt in unserem durchgetakteten Alltag nur noch ein „Dinner to go“.  Davor jedoch warnt der in Lübeck geborene Rechtsanwalt Tim Wirth, der seit Jahren auf Mallorca lebt. Der Experte für Immobilien-, Handels-, Wirtschafts- und Steuerrecht berichtet: „Manchmal habe ich Investoren, die kommen angeflogen und wollen dann um 13.30 h sofort die Powerpoint-Präsention sehen.“ Wo ist das Problem? „Das geht hier gar nicht. Hier wird erstmal in einem guten Restaurant ein Tisch bestellt. Umgekehrt erlebe ich hungrige Spanier in Deutschland an den Konferenztischen, auf denen typischerweise nur Kaffee, Kekse und Apfelsaft stehen. Weil jedoch die Spanier in der Regel kaum frühstücken, ist das Essen am Mittag ein absolutes Erfordernis!“ Wo liegen die Gründe? „Der Deutsche arbeitet durch, in Spanien ist die Mittagspause heilig. Aber die Mittagspause dient auch zu Gesprächen. Das muss man akzeptieren, mehr Fragen werden im persönlichen Kontakt geregelt!“ Das ist in Moskau, Delhi oder Peking nicht anders. Trotzdem sehen viele Businessmenschen aus München, Berlin oder Hamburg in der gemeinsamen Mahlzeit oft nicht mehr als eine lästige Pflicht. „Umdenken!“ empfiehlt Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. „Unsere interkulturellen Seminare zum Beispiel in chinesischen oder indischen Restaurants sind nicht nur beliebt, sondern nachweislich für unsere Kunden auch sehr erfolgreich!“ Warum? „Ein zwangloses gemeinsames Essen kann Brücken schaffen, wie dies oft in langen Meetings oder komplexen Vertragswerken nicht gelingt!“

„Kommt mir nicht zu nahe!“ 

Oksana Kutsin bestätigt das aus eigener Erfahrung, „wer in Russland die Einladung zum gemeinsamen Essen oder einem Glas Wodka ausschlägt, signalisiert: ‚Kommt mir nicht zu nahe!`Doch die Kenntnis eines Menschen ist für Russen als geschäftliche Basis sehr wichtig, sie sind sehr beziehungsorientiert!“ Die Dipl.-Psych. Oksana Kutsin wurde 1975 in Kiew geboren, studierte an der Universität Hamburg Psychologie und Pädagogik und arbeitet seit 2005 als Interkulturelle Trainerin und Beraterin mit dem Schwerpunkt Osteuropa. Essen in Gemeinschaft stellt Verbindungen her. Jedes Businessessen enthält persönliche, beinahe private Momente. Der Andere wird erlebt, wie ihn sonst nur Freunde oder Familienangehörige kennen. Das erzeugt Nähe und festigt den Zusammenhalt, bei einem Businessessen, am Staatsbankett – oder beim Treffen mit der Schwiegermutter. Wer nicht mittafelt, schließt sich aus. (Zwischenüberschrift)
„Symbol von sozialer Gemeinschaft“  Im europäischen Mittelalter hatte das gemeinsame Mahl sogar oft Vertragscharakter. Statt Urkunden zu unterzeichnen, bezeugte die Gemeinschaft bei Tisch das rechtsverbindliche gegenseitige Einvernehmen, nicht nur bei Bauern, sondern auch am Hof. Bereits Sigmund Freud ordnete die Bedeutung eines gemeinsamen Mahls Essens historisch ein: „Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme gegenseitiger Verpflichtungen.“ So wusste der Begründer der Psychoanalyse, dass man bei Wüstenstämmen, hatte man Brot oder Tee mit ihnen geteilt habe, sich lebenslang deren Schutz und Hilfe gewiss wahr. Kulturhistoriker haben gezeigt, dass uns archaische Vorstellungen wie diese bis heute prägen. Ein gemeinsames Essen verbindet – weltweit – stärker als alle Meetings, E-Mails und Videokonferenzen zusammen.    

Heute wirkt Small Talk, besonders am Anfang eines Essens, als guter Eisbrecher. Die  zwanglose Plauderei hat in Deutschland, im Unterschied zu vielen Ländern auf dem Globus, noch immer einen schweren Stand. Hier gilt das angeregte Gespräch über ein Wölkchen am Himmel vielen als oberflächlich, fehlt doch die Tiefe und ein Ziel, „zur Sache kommen!“ würde doch schneller gehen! Doch unterschätzt, wer zur schnellen Unterschrift kommen will, welche Bedeutung in der übrigen Welt die kunstvolle Unterhaltung hat, Demonstrationen einer hohen Sachkompetenz sind hier fehl am Platz. Bei einem gemeinsamen Mahl kommt man sich plaudernd näher – und erst viel später macht man Geschäfte und hat zuvor eine notwendige Basis geschaffen, die idealerweise aus Vertrauen und Sympathie besteht.

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