„Nicht alle Stereotypen sind verschwunden!“

April 2015

fix-nl-40-portrait-jiri-van-den-kommer.jpgJiri van den Kommer ist Niederländer und Chef des 2011 gegründeten interkulturellen Beratungsunternehmens Crossing Cultures. Jiri van den Kommer lebt in Hamburg. Er arbeitet seit vielen Jahren als interkultureller Trainer. Als Facilitator hilft er Gruppen und Organisationen, effektiver zu arbeiten, indem sie ihre Probleme gemeinsam lösen und zusammen entsprechende Strategien erarbeiten. Van den Kommer verfügt über jahrzehntelange Erahrung als Projektmanager und arbeitete weltweit in über 50 Ländern.



Herr van den Kommer, gerade hat das niederländische Königspaar Hamburg besucht. Die Hamburgerinnen und Hamburger waren begeistert und Königin Máxima und König Willem-Alexander strahlten um die Wette. Gehören die viel zitierten Probleme im Verhältnis der Deutschen zu den Niederländern der Vergangenheit an?
 

Jiri van den Kommer: Ja, das Verhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Die Nachkriegsgenerationen haben ihre Kinder antideutsch erzogen. Viele deutsche Urlauber konnten davon berichten. Dazu kam noch das nationale Fußballtrauma von 1974. Damals schlug Deutschland „Oranje“ im WM Finale in München mit 2-1 – nach einer niederländischen Führung in der 1. Minute. Auch das hat eine Generation geprägt. Für die jüngeren Generationen spielt 1940-1945 jetzt kaum mehr eine Rolle. Deutschland wird heute bewundert, die meisten Niederländer haben ein sehr positives Bild von Deutschland und den Deutschen, sogar vom deutschen Fußball. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Stereotypen komplett verschwunden sind.  

Sie sind gebürtiger Niederländer und leben schon viele Jahre in Hamburg. Gibt es etwas, was Sie hier vermissen?    
 

Jiri van den Kommer: Ich fühle mich hier sehr zuhause. Hamburg ist eine wunderbare Stadt. Und außer der Familie und den Freunden? Ja! Ich vermisse patat met pindasaus (Pommes mit satesoße), die Fahrradinfrastruktur, autofreie Innenstädte und intelligente Ampelschaltungen. Ich ärgere mich hier sehr im Verkehr. Und ich vermisse manchmal die niederländische Lockerheit und den Pragmatismus. Und die Möglichkeit überall mit meiner Bankkarte bezahlen zu können.  

Wo sehen Sie bei deutschen Managerinnen und Managern Nachholbedarf, wenn es um gemeinsames Arbeite in internationalen Teams geht?  
 

Jiri van den Kommer: Unabhängig von der der Nationalität, finden es viele Manager schwierig, in internationalen Teams zu arbeiten. Denn da muss man erst mal eine neue Weise der Zusammenarbeit  entwickeln. Die deutsche Arbeitsweise kann man auf Dauer anderen nicht aufzwingen. Aber das gilt auch für die US-Amerikanische oder die niederländische Arbeitsweise. Auch dazu kann man die anderen nicht zwingen. Es müssen also Kompromisse gefunden werden. Das ist für Deutsche manchmal besonders schwierig, „warum werde ich einen Kompromiss eingehen, wenn ich recht habe?“ heißt dann die Devise. Niederländer stehen in einer langen Handelstradition. Deshalb fällt es ihnen leichter, Kompromisse zu finden. 

Wo liegen die besonderen Herausforderungen international tätiger Manager und welche persönlichen Qualitäten sollten sie mitbringen?    

Jiri van den Kommer: Führung ist immer schwierig, auch im deutschen Kontext. International zu Führen bringt eine zusätzliche Dimension an Komplexität: Englische Sprache (meistens), andere Kulturen, Mitarbeiter führen, die am anderen Ende der Welt arbeiten. Aber wir kennen aus der Forschung eine lange Reihe der benötigten Qualitäten. Besonders wichtig sind demnach Kenntnisse über sich selbst (auch Kenntnisse über die eigene Kultur), die Fähigkeit, richtig zuhören zu können, nicht schnell zu urteilen, Neugier, Resilienz und Frustrationstoleranz. Zum Aufbau internationaler Beziehungen gehört Offenheit, fremde Denk- und Arbeitsweisen mit den eigenen zu verbinden. Das ist unglaublich schwierig!  

Kann man interkulturelle Kompetenz lernen?  

Jiri van den Kommer: Im großen Ganzen: ja. Zwar haben wir eine Persönlichkeit, die wir schwer ändern können. Aber jeder ist in der Lage, sich über die eigene und andere Kulturen bewusst zu werden. Jeder kann verstehenm warum Kulturen unterschiedlich sind, und jeder kann die oben genannten Qualitäten entwickeln.   Wir müssen aber auch realistisch sein. Mit ein oder zwei Tagen interkulturellem Training können wir höchstens ein Fundament legen. Qualitäten nachhaltig zu entwickeln, dauert viel länger. Dafür ist Coaching über eine längere Zeit eine gute Option.  

Gibt es Gemeinsamkeiten, die alle guten Manager auf der Welt vereint? 
 

Jiri van den Kommer: Dazu müssen wir erst mal definieren, was ein „guter“ Manager ist. In „The Globe Project“ (Robert J. House) haben die Forscher herausgefunden, dass bestimmte Qualitäten weltweit geschätzt werden, z.B. Visionen entwickeln, Charisma, Werteorientiert handeln und Teamfähigkeit. Das bedeutet nicht, dass diese Qualitäten dann überall tatsächlich auf die gleiche Weise gelebt werden. So ist Führung in den Niederlanden grundlegend anders als in Deutschland. Und dann reden wir noch gar nicht über China, USA oder Indien…  

Warum spielen Doktortitel und Hierarchien im niederländischen Geschäftsleben eine kleinere Rolle als in Deutschland?
 

Jiri van den Kommer: „Een dokter is een arts“ (ein Doktor ist ein Arzt) sagen wir in den Niederlanden. Gleichheit ist wahrscheinlich der wichtigste niederländische Wert, der zu bemerken ist: in der Erziehung, in der Bildung, in Unternehmen und auf der Strasse. Das hat eine lange Geschichte. Die Niederländer waren schon im späten Mittelalter sehr „bürgerlich“ orientiert. Wir hatten wenig Aristokratie und Adel (ja, paradox, weil wir eine königliche Famile haben!). Und spätere Städte wurden von Anfang an von Bürgern (plural, also in einer Art von Stadtrat) regiert. Deutschland existierte damals noch nicht als Land. Hier gab es viele Kleinstaaten mit Aristokraten an der Macht. Frankreich, England und Spanien existierten schon als Nation. Aber auch dort bestand die Dominanz der Aristokratie. Weil wir keine (oder eine kleine) intellektuelle Elite haben, ist auch der Wert eines Doktortitels weniger wichtig. Ein Doktor hat nicht immer recht. Und ein Doktortitel ist keine Qualifikation für eine Führungsposition in den Niederlanden. Und auch den deutschen Bildungsbürger kennen wir nicht im gleichen Maß.  

Warum ist das Schlüsselwort für Erfolg im niederländischen Arbeitsleben Gleichheit?
 

Jiri van den Kommer: Siehe oben. Jemand von außen, der in die Niederlande kommt und „von oben“ führt auf der Basis seiner Position, hat keine Chance auf Erfolg. Er wird nicht respektiert und nicht akzeptiert. Er wird nicht in den erforderlichen Informationsaustausch einbezogen. Entweder ändert er sein Verhalten. Oder er versucht es nicht weiter in den Niederlanden.  

Wenn Statussymbole den Niederländern fremd sind: Womit punkten Niederländer bei Nachbarn, Kollegen und Freunden?
 

Jiri van den Kommer: Eine deutsche Frage, wenn ich sagen darf, kulturell geprägt. Deutschland ist ein „maskulines“ Land. Wettbewerb, Erfolg, Leistung und Status sind wichtig. Die Niederlande sind eine „feminine“ Kultur, wo Gleichheit, work-life balance, Zuammenarbeit und Konsens wichtig sind. Natürlich sind auch Niederländer stolz auf ihre Wohnung, den Garten, das Auto, die Kinder und ihre Fernreisen. Aber man soll damit nicht protzen.  

Was können die Deutschen von den Niederländern lernen?    

Jiri van den Kommer: Viel. Lockerheit, Flexibilität, Pragmatismus, Offenheit für anderes und neues, sich selbst und das Leben nicht immer so ernst nehmen, einfach authentisch sein auf der Arbeit (und weniger eine Rolle spielen), gleiche Chancen für alle, Position und Rolle der Frauen, intelligente Ampelschaltungen, leben mit weniger Druck und die Regeln mal außen vor lassen. Und so viel mehr.  

Was können die Niederländer von den Deutschen lernen?
 

Jiri van den Kommer: Viel. Tiefgang in Debatten und Gesprächen, Forschung, Technik, Bedeutung der Kultur (Theater, Ballett, Musik, usw.), Disziplin und gute Vorbereitung, weniger nur auf Effizienz und Größenvorteile zu achten, Bewustsein fur die eigene Geschichte, Qualität des Essens, erneuerbare Energie, Fussball (dieses tut weh!), positives Interesse an Europa, vermeiden von Populismus, Regeln sind manchmal hilfreich, Leistungsorientierung. Und so viel mehr.  

Fazit: Gemischte deutsch-niederländische Teams haben das Potential, hervorragende Leistungen zu bringen, wenn sie die Unterschiede effektiv nutzen. Das aber ist in der Praxis die große Schwierigkeit! Und heraus resultiert mein Plädoyer für interkulturelles Training.

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