Lockerheit wird in den Niederlanden geschätzt

April 2015

istock-000004377469klein.jpgÜber 70.000 Deutsche leben in den Niederlanden, Expats und Menschen, die einem niederländischen Partner nachgezogen sind. Und 25.000 Studenten schwören auf die Internationalität an den dortigen Universitäten. Lange galt das Verhältnis Deutschland-Niederlande als schwierig. Doch Kommunikationsprofis berichten von einer Entspannung.
Der Ball ist bekanntlich rund. Ein Spiel aber dauert manchmal eben doch länger als 90 Minuten. Zum Beispiel, wenn es ein Symbol ist für die schwierige Beziehung zweier Nationen zueinander. Ein Bilderbuchexempel für eine solche Problemlage war traditionell das Verhältnis zwischen den Niederlanden zu Deutschland. Da reichte es 1990 bei der Fußball-WM 1990, dass der Niederländer Frank Rijkaard den deutschen Rudi Völler anspuckte. Obwohl sich Rijkaard später entschuldigte und die Beiden längst gemeinsam darüber lachen können, war die Szene lange ein Bild für ein überaus kompliziertes Verhältnis. Nicht zuletzt den Erfahrungen vieler Niederländer mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg war die negative Einstellung geschuldet, die dann von Generation zu Generation weitergetragen wurden. „Die Nachkriegsgenerationen haben ihre Kinder antideutsch erzogen. Viele deutsche Urlauber konnten davon berichten!“ erläutert Kommunikationsprofi Jiri van den Kommen im Fix International-Interview. Mit entscheidend war auch, dass sich der niederländische Geschichtsunterricht lange auf die Zeit des Nationalsozialismus und die Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht fokussierte. Typisch hierfür ist ein in den Niederanden lange populärer Witz: Wie öffnet ein Deutscher eine Auster? Antwort: Er schlägt mit der Faust auf die Schale – und schreit: „Aufmachen!“  

Doch scheinbar vollzieht sich ein Stimmungswandel. Folgt man Jacco Pekleder, einem niederländischen Historiker, so hat sich die Einstellung der Niederländer grundlegend verändert. Das Deutschlandbild der Niederländer, so schreibt er in seiner Studie „Neue Nachbarschaft“, sei heute viel positiver als in den Jahren nach dem Mauerfall. Noch 1993 sorgte eine Umfrage des Clingendael-Instituts in Den Haag für Aufsehen. Damals stuften niederländische Jugendliche die Deutschen als dominierend und arrogant ein, fast 40 Prozent glaubten, Deutschland sei kriegslüstern und wolle die Welt beherrschen.
Vielleicht hilft auch das gemeinsame Miteinander? „Heute leben über 70.000 Deutsche gerne in den Niederlanden, davon sind alleine 25.000 Studenten. Dazu gehören Expats und Menschen, die einem niederländischen Partner nachgezogen sind!“ erklärt Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. Und sie fügt hinzu: „Neben den persönlichen Gründen locken die Niederlande auch mit Arbeitsbedingungen, die besonders für jüngere Menschen attraktiv sind. Dazu zählen flache Hierarchien.“  Die Zusammenarbeit findet in NL informeller als in Deutschland statt. Schon während eines Vorstellungsgesprächs bieten künftige Chefs den Bewerbern mitunter das „Du“ an. Zwischen Eindhoven, Groningen und Rotterdam ist das in Unternehmen Standard, vom Chef bis zur Sekretärin. Allerdings sagt der zwanglosere Umgang nichts über die persönliche Beziehung der Beteiligten aus. Freundschaft ist in diesem Pakt nicht enthalten, das Verhältnis bleibt meist geschäftlich. Aber das zwischen Kiel und Flensburg übliche „Herr“ und „Frau“ begreifen in den Niederlanden nur wenige Menschen.
 
Egozentrische Einzelgänger sind nicht gern gesehen

Die lockere Arbeitsatmosphäre wird in Niederlanden geschätzt, Doktortitel und hierarchisches Gehabe sind in Meetings nicht gefragt. Statussymbole gelten wenig, wer mag, kommt mit dem Fahrrad ins Büro. In wöchentlichen “Borrels” treffen sich die Teams, oft in einer Bar. Gemeinsam genießen sie ein Bier und patat met pindasaus. Soft-Skills nehmen in den Niederlanden traditionell einen höheren Stellenwert ein als in Deutschland. Genau wie in China, Russland oder Indien. In Deutschland steht das Fachwissen an erster Stelle. Auch ist es in den Niederlanden üblich, Mitarbeiter in alle wichtigen Entscheidungsfindungsprozesse einzubeziehen. Entsprechende Meetings, die „vergaderingen“, sind die Voraussetzung. Das Ziel ist der Konsens. Mindestens aber der gemeinsam gefundene Kompromiss. Autoritäre Chefs und egozentrische Einzelgänger sind dabei nicht gern gesehen. Auch ist es nicht außergewöhnlich, wenn ein junger Kollege dem Chef öffentlich widerspricht oder bekennt, wenig Erfahrung zu haben. „Werte wie Kompromissbereitschaft, Bescheidenheit und gute Zusammenarbeit stehen in Verhandlungen gegen das deutsche Wettbewerbs-, Erfolgs- und Besitzdenken“, berichtet Jiri van den Kommen.
Enttäuscht sind viele Niederländer, wie wenig Interesse man ihnen im Nachbarland entgegenbringt. Die zunehmende Bedeutung von Europa rückte Belgien in den Mittelpunkt, mehr und mehr deutsche Journalisten ließen sich in Brüssel nieder.



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