Diversity Management - Prof. Dr. LOUIS HENRI SEUKWA - „Wir sind alle Neumenschen!“

Newsletter April 2011

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Wir sind alle Neumenschen, Diversity, Interview Fix International ServicesIn der Diskussion um ein zukunftsfähiges Unternehmensmanagement ist die Auseinandersetzung mit personeller Vielfalt zur ökonomischen Notwendigkeit avanciert. Diversity Management lautet das viel strapazierte Zauberwort. Was verbirgt sich hinter dem Modebegriff? Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, ein viel gefragter Querdenker und mehrfach ausgezeichneter Experte für interkulturelle Kompetenz sieht vor allem in der Migration Chancen.
Rubrik: Interview mit Prof. Dr. Louis Henri Seukwa

Kurzprofil:
Prof . Dr. Louis Henri Seukwa, geboren in Kamerun, ist seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaften an der Fakultät Wirtschaft und Soziales der HAW Hamburg. Er studierte Philosophie an der Universität Yaoundé (Kamerun) und promovierte an der Universität Hamburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Bekannt machte ihn sein Buch „Der Habitus der Überlebenskunst: Zum Verhältnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von Flüchtlingsbiographien“. Seukwa ist u.a. Träger des Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Kompetenz und des Höffmann-Wissenschaftspreises. Am 12. Mai 2011 referiert der Wissenschaftler auf Einladung von Fix international Services in Hamburg zum Thema „Diversity im Praxistest – Jenseits von Schönrednerei und Medienhype.“


 
Frage: Diversity Managment und interkulturelle Kompetenz - Begriffe aus dem Modebauwortkasten. Was steckt dahinter?

Antwort: Viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, sich mit der Vielfalt ihrer Belegschaften auseinanderzusetzen. Eigentlich legen sie Wert auf deren Gleichheit, um Konflikte zu vermeiden. Die Diversität ist jedoch ein Faktum und der Normalfall. Die Homogenität als Produkt der Homogenisierung dagegen ist eine Illusion. Wir müssen die Realität wahrnehmen. In Zeiten der Globalisierung kommt der interkulturellen Kompetenz eine Schlüsselrolle zu.  

Frage: Was ist interkulturelle Kompetenz?  

Antwort: Interkulturelle Kompetenz beschreibt eine Handlungsweise, die darin besteht, kritisch-reflexiv und konstruktiv mit kulturellen Phänomenen in ihrer Vielfalt umzugehen. Diese kulturelle Vielfalt kann sich auf das Geschlecht, die Ethnie, die Religion, das soziale Milieu, die Sprache, das Alter oder sie sexuelle Orientierung anderer Menschen beziehen.  Wir müssen im Zeitalter der Globalisierung und zunehmender Mobilität die jungen Menschen für die Anforderungen des internationalen Arbeitsmarktes vorbereiten. Und da ist es kurzsichtig, sich in der Ausbildung nur auf eine Sprache oder die Arbeitsmarktanforderungen eines einzigen Landes zu konzentrieren.

Frage: Nach welchen Regeln kann heute das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen gelingen?    

Antwort: Die Geschichte der Bevölkerung auf unserem Planeten lässt sich nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft nur durch Migration erklären. Deutschland im strengsten Sinne des Wortes ist eine Migrationsgesellschaft, die jedoch unter Identitätsproblemen leidet. Was ist schon ein Deutscher? Wie kommt es dazu, dass bestimmte Menschen, die hierzulande geboren und sozialisiert worden sind, immer unter solche sozialwissenschaftlich gesehen schwammige Kategorien, wie Menschen mit „Migrationshintergrund“ oder Menschen mit „Migrationsgeschichte“ subsumiert werden? Was unser Zusammenleben als durch Heterogenität gekennzeichnete Gesellschaft bestimmt, ist das Grundgesetz. Und es fordert: Ich muss der, die, das Andere, also die Vielfalt und Differenz als konstitutive Elemente des Sozialen erkennen und anerkennen.  

Frage: Was verstehen Sie unter Diversity Kompetenz?  

Antwort: Damit wird ein epistemisches, normatives und praktisches Projekt formuliert, das sich in der Fähigkeit äußert, die Unterschiede erstens, zu erkennen, zweitens, anzuerkennen und, drittens, sie durch präzise Handlungen so zu managen, dass diese Vielfalt in einem bestimmten Lebensumfeld einen Mehrwert bildet. Aus Vielfalt wird eben mehr! 

Frage: Ist Migration die Normalität?  

Antwort: Die Normalität der Migration ist eine wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis. Denn wie die Diffusionstheorie und die Geschichte der Bevölkerungsprozesse unserer Erdkugel uns lehrt, ist Migration konstitutiv für Gesellschaften. Migration macht Gesellschaften; und nicht mal die relativ junge Konstruktion der Nationalen Staaten, die erst solche Kategorisierungen wie Einwanderer, Flüchtlinge, Menschen mit Migrationshintergrund etc. ermöglicht hat, darf uns über diese elementare Wahrheit hinwegtäuschen. Wir sind alle mehr oder weniger „Neumenschen“. Das heutige Europa ist das Ergebnis Jahrhunderte langer Wanderungen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Nation durch ein Volk und eine Sprache charakterisiert wird. Migration macht Gesellschaften.  

Frage: Welche Ergebnisse zeigen Ihre Arbeiten mit Migranten?  

Antwort: Trotz ihrer eindrucksvollen schulischen Karriere in Deutschland unter schwierigen strukturellen Bedingungen nehmen viele der untersuchten Flüchtlingsjugendlichen ihre Migration nach Hamburg als biografischen Umbruch wahr; und zwar nicht nur, weil die Migration an sich ein Sprung ins Ungewisse ist. Denn für Personen, die dadurch der in den schlecht funktionierenden Staaten der Herkunftsländer verbreiteten Morbidität entgangen sind, ist dieser Sprung angesichts der traurigen Realität, die sie hinter sich lassen, vor allem ein Hoffnungsfunke.

Frage
: Ist diese Hoffnung berechtigt?  

Antwort: Diese Hoffnung ist nicht völlig unberechtigt oder nur durch die Gewissheit einer fehlenden Zukunftsperspektive in den Heimatländern begründet, da sie sich auch auf ein bestimmtes Bild der Länder des Nordens stützt, das diese über verschiedene Medien selbst verbreiten und sie als Orte zeigt, wo es sich gut leben lässt. Die Jugendlichen sehen Staaten wie Deutschland als Orte, wo genügend materielle Güter rational und gerecht verteilt werden, aber vor allem, wo die Beachtung der Rechte der Person ungeachtet ihres Alters, ihres Geschlechts und ihrer sozialen Klasse garantiert wird. Das Dilemma und die Gegensätze zwischen angestammten und eingewanderten Bürgern ist auch eine Frage der Sicherung von Privilegien, des Kampfes um den Zugang zu gesellschaftlich begehrten Ressourcen sowie die Verfügungsgewalt darüber.  

Frage
: Und die Realität?  

Antwort: Dass dieses Bild täuscht, bemerken die meisten der Jugendlichen, wenn sie die gefährliche Reise in ein solches Land des Nordens hinter sich haben und mit Leib und Seele den alltäglichen Einschränkungen, Diskriminierungen und anderen Formen des Ausgeschlossenseins, welche die Asylgesetze vorsehen, ausgesetzt sind. In der Falle dieser unerwarteten Notlage gefangen, ist es eine wahre Kunst, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Frage
: In Ihrer Forschungsarbeit kommt ein junger Migrant zu Wort:

Ich glaube, man ist hier hergekommen und wusste nicht, wo man hingeht, waseinen erwartet, und auf einmal ist man hier, man ist drinnen und muss einfachversuchen, das Beste daraus zu machen. Sicherlich geht es nicht ohne viel Kopfschmerzen“.

Wie fassen Sie dieses Resümee zusammen?

Antwort: So tröstend dieser Befund sein mag: Er ist ein Armutszeugnis für die Flüchtlings- bzw. Integrationspolitik Deutschlands und ein dringender Appell, die vom Grundgesetz garantierten Menschenrechte ergo Bildungsrechte auch für diese Flüchtlingsmenschen einzulösen.

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